Großmarkt Inzersdorf: Wo der Bauch Tulpen kauft

14. Februar 2007, 19:19
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Nur noch jede zweite Blume stammt vom Blumengeschäft - Supermärkte und Gartencenter haben die Floristen abgehängt

Wien – Die rote Digitalanzeige verschwimmt immer wieder im Regen. Wenn der Scheibenwischer vorüberzieht, kann Juha Ryhänen sie in seinem blauen Lieferwagen kurz lesen: 4 Uhr 51; Freitag, 9. Februar; fünf Grad herrschen auf dem Gelände des Blumengroßmarktes in Wien-Inzersdorf. Ryhänen übernimmt an diesem Morgen die Einkaufstour für seine Frau Barbara, die seit 20 Jahren das Blumengeschäft Soukup in der Hernalser Hauptstraße betreibt. Barbara Ryhänen liegt mit Grippe im Bett und muss schnell genesen: Bald ist Valentinstag.

Normalerweise wechseln sie sich ab mit der Fahrt aus Scheiblingstein kurz hinter Wien. "Das frühe Aufstehen mindestens dreimal die Woche, drei Kinder – für einen allein wäre das ein Wahnsinn", sagt Ryhänen. Als er aus Finnland nach Wien kam, arbeitete er als Zimmermann. Jetzt schult er zum Floristen um.

Farbenmeer

In der Markthalle nimmt er sich einen Einkaufswagen: ein Metallregal auf Rollen, das wie im Supermarkt mit Schloss und Plastikchip gesichert ist. "Was hättst denn gern Schönes?", fragt eine Verkäuferin, kaum dass Ryhänen sein Regal in die Verkaufshalle schiebt. Das Neonlicht lässt die Dunkelheit draußen schlagartig vergessen. Durch ein Meer aus Rot, Blau, Gelb und Violett waten Großhändler und Gärtner in grünen Kitteln, trinken Kaffee, kassieren oder wickeln Blumen in Packpapier. Die meisten kommen gegen zwei Uhr und richten ihre Blumen für die Kunden her, die ab fünf in die Halle dürfen. Viele sind früher da – auch Juha Ryhänen, der jetzt zielstrebig nach einem Bund Lilien greift, gefolgt von Anemonen und orangen Tulpen namens Irene.

Was er an den Ständen kauft, ist kaum mehr, als ein Kunde im Laden holen würde. Ein paar Ranunkeln hier, etwas Grünzeug da, Rosen nimmt er hier fast gar nicht. Die bringt ein Lieferant direkt ins Geschäft, wenn sie mit dem Flugzeug aus Ecuador landen. "Rote Rosen haben wir das ganze Jahr über, die gehen immer", erklärt Ryhänen. Vor dem Valentinstag öffnet der Großmarkt ausnahmsweise auch sonntags, damit sich die Blumenhändler für einen ihrer wichtigsten Verkaufstage ausrüsten können. Österreichs Gärtner und Importeure werfen in diesen Tagen 20 Millionen Schnittblumen zusätzlich auf den Markt.

Sieben Euro für acht Primeln

"Was ich kaufen muss, sagt mir mein Bauchgefühl", erklärt Ryhänen. Heute rät ihm sein Bauch zu fertigen Tulpensträußen, Primeln und Krokussen, die Ryhänen palettenweise bei Robert Wildeis kauft. Wildeis ist Gärtner in Wien-Simmering. 8000 Primeln hat er dabei, sieben Euro kostet eine Achterpalette, macht 87,5 Cent pro Topf. "Wir sind die teuersten hier", sagt Wildeis' Sohn, der auch Robert heißt. "Aber ich kann meine Primeln nicht um 70 Cent verkaufen. Wasser wird teurer, Strom wird teurer, Erde und Dünger werden teurer, nur wir sollen die Preise halten, das geht nicht."

Grund zur Klage haben die meisten hier. "Die goldenen Jahre sind vorbei", sagt auch Juha Ryhänen, als er die Blumen im Lieferwagen verstaut. Nur noch jede zweite Schnittblume wandert in Österreich über die Theke eines Blumengeschäfts. Bei Topfpflanzen haben Supermärkte und Gartencenter die Floristen abgehängt; ihnen bleibt ein gutes Drittel am Verkauf. Dazu passen die neuesten Zahlen der Marktforscher: Demnach wollen die Österreicher heuer im Durchschnitt nur 23 Euro zum Valentinstag ausgeben. Im vergangenen Jahr waren es noch 32 Euro.

Kränze am Hernalser Friedhof

Ryhänens Schwiegermutter verkaufte früher das ganze Jahr über Kränze am Hernalser Friedhof. Seine Frau steht nur noch an Allerheiligen dort, und die Leute gehen mit Gestecken vom Baumarkt vorbei. Die Ryhänens binden Sträuße für Hochzeiten, dekorieren Empfangshallen in Hotels und Firmen – und heuer sogar das Neujahrskonzert. "Die Sträuße über dem Orchester kamen von uns", sagt Ryhänen; vermutlich hat er vor dem Fernseher eher die Sträuße als die Streicher beachtet.

Der Berufsverkehr hat noch nicht eingesetzt; nur eine gute Viertelstunde dauert die Fahrt ins Geschäft. Dort räumt Ryhänen die Blumen ins Hinterzimmer, wo die beiden Angestellten sie ab halb neun zu Sträußen binden werden. Ryhänen wird nicht dabei sein: Er fährt jetzt heim – frühstücken mit der Familie. (Daniel Kastner, DER STANDARD Print, 10./11.2.2007)

  • Juha Ryhänen zwischen Schnitt- und Topfblumen
    foto: standard/heribert corn

    Juha Ryhänen zwischen Schnitt- und Topfblumen

  • Die meisten Blumenhändler beginnen ihre Einkaufstour auf dem Wiener Großmarkt gegen fünf Uhr in der Früh
    foto: standard/corn

    Die meisten Blumenhändler beginnen ihre Einkaufstour auf dem Wiener Großmarkt gegen fünf Uhr in der Früh

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