Warum ich mich für Sarkozy entscheide

28. März 2007, 15:00
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Befund eines Abtrünnigen - Die Linke, so André Glucksmann, hält sich für unfehlbar und wirkt erstarrt

Befund eines "Abtrünnigen": Frankreichs bürgerlicher Präsidentschaftskandidat bricht mit konservativen Dogmen. Die Linke dagegen hält sich für unfehlbar, wirkt erstarrt und schmort in ihrem Narzissmus.

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Die Überraschung, die man in Frankreich von den Präsidentschaftswahlen erwartete, hat bereits stattgefunden. Schon vor dem Urnengang durchleben die Franzosen eine mentale Verwandlung. Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy haben, vom Alter abgesehen, wenige Gemeinsamkeiten, aber beide wurden getragen von einer Stimmung an ihrer jeweiligen Basis, die sich auflehnt gegen überkommene Strukturen und Doktrinen. Man wählt nicht mehr sozialistisch oder gaullistisch, man will den Aufstand wählen.

In Paris frieren die Obdachlosen seit einem Vierteljahrhundert. Plötzlich bemerkt man sie, ihre Zelte stechen ins Auge, die Öffentlichkeit rührt sich, die Regierung greift ein. Und warum nicht schon früher? Genau wie im Februar 1954 spüren die Franzosen, dass die Zeit drängt. "Es genügte, dass ein einzelner Mann handelte, damit sich die Franzosen rührten, aber es bedurfte auch der Kälte. Ohne die Kälte hätte es keinen Abbé Pierre gegeben! Nun, wenn Frankreich friert, dann kann auch ich handeln" (de Gaulle). Ein hellsichtiges Frankreich friert schon wieder, und das ist ein gaullistischer Augenblick, in dem man es wagen muss, notfalls gegen seine eigenen Gewissheiten zu denken und dann auch den Mut zum Handeln zu finden.

Kampf der Ideen

Der Kampf der Ideen ist ebenfalls eine Tatsache. Sonderbarerweise findet er im Lager der Rechten statt. Die Debatte zwischen Villepin und Sarkozy ist mehr als ein Konflikt zweier Egos; sie zeugt vom Aufeinanderprallen zweier unterschiedlicher Visionen von Frankreich und der Welt. Bewegung gegen Konservatismus. Sarkozy bricht klar mit jener Rechten, die gewohnt ist, ihre Hohlheit hinter weihevollen Begriffen zu verbergen. Zum Beispiel, indem er für die positive Diskriminierung eintritt, die der abstrakten Gleichheit widerspricht und die Folgen der konkreten Ungleichheit aufgrund der Hautfarbe, des Wohnortes oder des Familiennamens überwindet. Oder indem er öffentliche Beihilfen für den Bau von Moscheen rechtfertigt, damit die Angehörigen der zweitgrößten Re-ligionsgruppe in Frankreich nicht in Kellerräumen beten müssen oder in Gebäuden, die ihnen reiche Islamisten spendieren. Gegen eine überholte Auffassung der Trennung von Staat und Kirche muss man daran erinnern, dass es 1905 in Frankreich zehntausende Kirchtürme gab, aber keine Minarette. Die Nachfrage hat sich verändert, das Angebot blieb gleich. Die Gesellschaft wandelt sich, die Prinzipien müssen sich mit ihr wandeln.

Der Bruch mit den Gewohnheiten auf der Rechten betrifft die Außenpolitik genauso wie die Innenpolitik. Als seltsames Überbleibsel des Gaullismus kultiviert das konservative Lager den Primat des Staates, was immer dieser anstellt. Diese "Realpolitik" opfert unsere Geschichte und unser Ansehen kurzfristigen Interessen, sei es im Waffenhandel oder im Ölgeschäft. Beim Fall der Berliner Mauer gaben sich unsere Politiker zurückhaltend, dann aber unterstützten sie ihre völkermörderischen Verbündeten in Ruanda und verliehen Wladimir Putin das Großkreuz der Ehrenlegion. Seltsame Wandlung, die aus der Heimat der Menschenrechte den Apostel der etablierten Ordnung machte.

Großherziges Frankreich

Das großherzige Frankreich allerdings hat die Bedrängten nie vergessen: die vietnamesischen Boatpeople etwa oder die eingesperrten Gewerkschafter von Solidarnosc, die russischen Dissidenten, die Bosnier, Kosovaren, Tschetschenen . . . Die Möglichkeit, sich der übrigen Welt brüderlich zu öffnen, ist in unser kulturelles Erbe eingeschrieben. Nicolas Sarkozy ist heute der einzige Kandidat, der sich in die Tradition dieses großherzigen Frankreichs stellt. Er beklagt das Martyrium der bulgarischen Krankenschwestern, die in Libyen zum Tode verurteilt wurden, die Massaker in Darfur und die Ermordung von Journalisten, und er verkündet eine Regierungsmaxime, die sich von Jacques Chiracs Auffassung sehr unterscheidet: "Ich glaube nicht an die sogenannte Realpolitik, die auf die eigenen Werte verzichtet, ohne einen einzigen Vertrag zu bewirken. Ich will das nicht hinnehmen, was in Tschetschenien passiert. Weil de Gaulle die Freiheit aller Völker wollte, gilt das Recht auf Freiheit auch für sie. Schweigen bedeutet Komplizenschaft, und ich will der Komplize keiner Diktatur sein." (Rede vom 14. Jänner 2007). - Und was entgegnet die Linke? Leider nur sehr wenig. Wo verlor sich das Banner der internationalen Solidarität, das einst der Stolz des französischen Sozialismus war? Ich will keineswegs eine Kandidatin anprangern, die ich respektiere, doch ihre Äußerungen über die beispielhafte Schnelligkeit der chinesischen Justiz kann ich nicht so leicht schlucken.

Die offizielle französische Linke hält sich für moralisch und mental unfehlbar. Sie verkörpert die Veränderung und die Republik. Das stimmte auch einigermaßen bis 1945. Die Linke hatte den Mut, alles infrage zu stellen und jene Kämpfe zu führen, aus denen unsere laizistische und soziale Demokratie hervorging. Aber seit 1945, nachdem die Kollaboration mit den nazistischen Besatzern die Denkgewohnheiten der Rechten diskreditiert hatte, ist die professionelle Linke auf ihren Lorbeeren eingeschlafen. Sie schaute verächtlich auf die Diskussionen in Deutschland (Godesberger Programm) oder in England (New Labour), sie ignorierte die spirituelle Explosion der Dissidenten in Osteuropa, die samtenen Revolutionen in Prag, Kiew oder Tiflis waren ihr gleichgültig.

In ihrem Narzissmus geschmort

Nachdem sie so lange in ihrem Narzissmus geschmort hat, steht sie nun ziemlich wehrlos da, wenn Nicolas Sarkozy mit allen Traditionen der Rechten bricht und sich auf die Aufbegehrenden und Bedrückten beruft, auf den jungen kommunistischen Widerständler Guy Môquet, auf die ermordeten muslimischen Frauen, auf Simone Veil, die das Leid der heimlichen Abtreibungen überwand, auf den Mönch Christian, auf die spanischen Republikaner. Statt ihn der Erbschleicherei zu bezichtigen, wie es die Sozialistische Partei tat, möchte ich mich lieber darüber freuen. Wenn ich in den Reden des Kandidaten der Rechten Victor Hugo, Jean Jaurès, Georges Mandel, Jacques Chaban-Delmas und Albert Camus wiederfinde, fühle ich mich ein wenig zu Hause.

In einem Präsidentschaftswahlkampf ist es nützlich, die Gegensätze gnadenlos herauszustellen. Es ist auch normal, den Kandidaten ihre Grenzen aufzuzeigen. Vorausgesetzt, dass man nicht den politischen Gegner aus der nationalen Gemeinschaft ausschließt, wie es ein sozialistischer Abgeordneter tat, als er gegen den "amerikanischen Neokonservativen mit französischem Pass" eiferte. Der nationale Ausschluss und die Stigmatisierung als Antifrankreich war lange Zeit das Kennzeichen der extremen Rechten. Die Linke hat wirklich Besseres verdient. Niemals habe ich öffentlich Stellung bezogen für einen Kandidaten (außer für Chirac gegen Le Pen im zweiten Wahlgang vom Mai 2002). Als Sohn österreichischer Juden, die in Frankreich den Nazismus bekämpften, habe ich bewusst dieses Land gewählt, und die Linke ist meine politische Heimat. Für sie kämpfe ich seit vierzig Jahren, aber auch gegen ihre ideologische Erstarrung.

Furcht vor dem Mut des freien Elektrons

Eine Zeit lang habe ich von einer Kandidatur von Bernard Kouchner geträumt, dem Gründer von "Ärzte ohne Grenzen", der der französischen Linken ihre verlorene internationale Dimension zurückgegeben hätte. Die Sozialistische Partei legte ihr Veto ein, sie fürchtete sich vor dem Mut des freien Elektrons. Am liebsten wäre mir ein Tandem Sarkozy-Kouchner gewesen. Indem ich für Ersteren Partei beziehe, werde ich Freunde verlieren.

Meine Entscheidung, bedingt durch alte Schmerzen und neue Perspektiven, ist wohlüberlegt. Ich teile nicht alle Ansichten des UMP-Kandidaten, etwa in Sachen illegaler Einwanderer. Ich wünsche mir eine weitergehende Regulierung, gegründet auf besser respektierte humanitäre Kriterien. Eine Wahl ist keine religiöse Konversion, sie bedeutet nur die Entscheidung für ein Projekt, das den eigenen Überzeugungen nähersteht.

Der Humanismus des 21. Jahrhunderts

Der Humanismus des 21. Jahrhunderts verzichtet darauf, eine Idee vom vollkommenen Menschen aufzunötigen. Als Garant gegen das Inhumane, in uns und um uns herum, kann er sich nicht damit begnügen, Opfer zu beklagen und Tote oder Verarmte zu zählen. Indem er die schuldhafte Gleichgültigkeit und die doktrinäre Manie ablehnt, beharrt der Humanismus darauf, in stets erneuertem Kampf "eine Schranke gegen den Wahn der Menschen zu errichten und sich nicht von ihm mitreißen zu lassen". (Rede vom 14. Jänner 2007) Das "Flüstern der unschuldigen Seelen", das Sarkozy in Yad Vashem vernahm, diktiert ihm diese Definition von Politik. Es ist das Flüstern, das von jeher meine Philosophie trägt. (André Glucksmann, DER STANDARD, Printausgabe 10./11.2.2007, Übersetzung: Manfred Flügge)

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    Glucksmann über seinen Favoriten: "Wenn ich in den Reden des Kandidaten der Rechten Hugo, Mandel und Albert Camus wiederfinde, fühle ich mich ein wenig zu Hause."

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    Zur Person
    André Glucksmann ist französischer Philosoph und Publizist. Im März erscheint die deutsche Übersetzung seiner Erinnerungen "Wut eines Kindes. Zorn eines Lebens" bei Nagel & Kimche. Der vorliegende Text wurde erstmals am 30. 1. in "Le Monde" publiziert.

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