der schönste Tag der Woche: Die Spam-Verschwörung

10. Februar 2007, 00:00
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...und auch ich frage mich, woher zum Beispiel Emily Knutson meine E-Mail-Adresse hat...

Weißt du, das Leben macht keine Freude mehr", sagte Hermes Phettberg dieser Tage zu mir. Aber nicht weil er nach einem Schlaganfall trotz Noteinweisung durch einen Neurologen vom Kaiser-Franz-Joseph-Spital in Wien abgewiesen wurde – ("Ihnen fehlt eh nix") –, sondern weil sein E-Mail-Postkasten seit einigen Monaten von Spams geradezu überschwemmt wird. Phettberg verdrossen: "Ich bekomme pro Tag höchstens eine Mail, die an mich persönlich gerichtet ist, aber die finde ich nicht, weil mir dutzende wildfremde Menschen eine Penisvergrößerung oder die Beteiligung an einer Ölbohranlage in Nigeria schmackhaft machen wollen."

Mir geht es ähnlich, und auch ich frage mich, woher zum Beispiel Emily Knutson meine E-Mail-Adresse hat. Obwohl ich Frau Knutson gar nicht kenne, hielt sie mir unlängst eine Moralpredigt, die sich gewaschen hatte: "Du mangelst an Weisheit; frage Christus. Wer weiß, aber er kann voll sein von Gott. Oh! Welches Herz kann werden schwanger, welche Zunge ausdrücken, mit welcher unaussprechlichen Freude und Konsolidierung wir nicht mehr weitermachen sollen; und uns schämen, weil wir so rückwärts alles aufgeben, um Jünger von Christus zu werden." In dieser Tonart ging es weiter, bis mir Emily Knutson am Schluss folgende Mittel zum Glücklichwerden empfahl: Viagra; Cialis; Valium (diazepam); Xanax (alprazolam); Propcia; Meridia.

Wenige Minuten später teilte mir dann ein gewisser Simon Bunce, "an accredited vendor of Emirates International Holding (EIH)", mit, dass ausgerechnet ich auserkoren sei, ihm beim Transfer von 25,5 Millionen Dollar behilflich zu sein. Der Lohn für meine Arbeit: 20 Prozent Provision oder 5,1 Millionen Dollar. Bunce: "Wie Sie sicher verstehen werden, möchte ich Sie in dieser Angelegenheit um äußerste Diskretion bitten." Selbstverständlich verstand ich das und eröffnete sogleich ein neues Girokonto, dessen Nummer ich Herrn Bunce umgehend mailte. Leider ist das Geld bis heute nicht überwiesen worden, aber für 5,1 Millionen Dollar nehme ich eine gewisse Wartezeit gerne in Kauf.

In unserem Gespräch stellte Phettberg schließlich die Vermutung an, dass die großen Provider von den Spam-Firmen Geld kassierten, damit sie deren Müll-Mails ungefiltert durchließen. Das leuchtet mir ein, zumal ich früher, als ich noch bei einem kleinen Anbieter war, keine Spams bekam, mittlerweile aber, nachdem der Anbieter zum fünften Mal verkauft wurde, mit durchschnittlich dreißig Spams pro Tag beglückt werde.

Aber Schwamm drüber, wenden wir uns schöneren Dingen zu, zum Beispiel den Texten der wunderbaren Sylvia Plath, die am 11. Februar 1963 im 31. Lebensjahr in Primerose Hill Selbstmord beging. Bekannt wurde Sylvia Plath vor allem als Lyrikerin, aber ihr – einziger – Roman Die Glasglocke sei hiermit ebenfalls ausdrücklich empfohlen. Darin findet sich ein Satz, der uns wieder zum Ausgangspunkt unserer Geschichte zurückführt: "Nichts stiftet so tiefe Freundschaften wie gemeinsames Kotzen." (Kurt Palm / ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.02.2007)

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    montage: derstandard.at
  • Kurt Palm
    foto: michaela mandel

    Kurt Palm

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