Qualität statt Masse – La Cigarrera

11. Februar 2007, 17:00
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Ja, es gibt sie noch, die kleinen Familienbodegas, die Weine abseits des Mainstreams produzieren und sich nicht vom schnellen Geld locken lassen. Ein Porträt in Teil 33

Wie in einem meiner letzten Artikel beklagt, verschwinden ja nach und nach die kleinen Produzenten – einerseits weil der Sherrymarkt ja nicht gerade im Aufwind ist, anderseits weil es wesentlich lukrativer ist, den Grund und Boden auf dem die Bodegas stehen, zu schnellem Geld zu machen. Aber auch wenn sie weniger werden, es gibt sie noch, die wackeren Produzenten, die Qualität abseits des zu Tode filtrierten Mainstreams produzieren und den Verlockungen der Immobilienhaie widerstehen.

Eine davon befindet sich im historischen Zentrum von Sanlúcar de Barrameda, in privilegierter Lage, genau an der Grenze Barrio Bajo und Barrio Alto, an der Plaza de Madre de Dios: La Cigarrera

Die Anfänge

Die Anfänge der heutigen Bodega La Cigarrera (der Name kommt übrigens von den Arbeiterinnen in den Tabakfabriken) finden sich im 18. Jahrhundert, als der aus Barcelona stammende Kaufmann Joseph Colóm 1758 in Sanlúcar ins Weingeschäft einstieg. 1771 gründete er gemeinsam mit seinem Sohn Francisco de Paula Colóm Borrego die Firma „Colóm y Compañía“, fasste hierin alle Geschäfte zusammen und erweiterte die Bodega. Nach seinem Tod übernahmen seine 5 Kinder die Bodega und setzten weiter auf Expansion.

1842 gingen die Bodega-Gebäude an Rafael Colóm y Palma, der sich nach und nach aller Mitbesitzer entledigte. Ohne direkten Nachfolger wurde nach seinem Tod die Bodega erneut unter mehreren Familienmitgliedern aufgeteilt. 1891 schließlich erwarb Manuel Hidalgo Colóm die heutigen Bodegagebäude und setzte in den nächsten Jahren wiederum auf Expansion.

La Cigarrera

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde auch die Manzanilla La Cigarrera erstmals unter diesem Namen auf den Markt gebracht. Nach dem Tod Rafaels ging die Bodega an seine Kinder Emilia und Manuel José Hidalgo Colóm und danach (1977) an den Sohn Manuels, Rafael Hidalgo Otaolaurruchi, der die Bodega wieder vereinte und damit letztlich die heutige Bodega „gründete“. Nach seinem Tod 1990 stieg seine Frau María del Pilar García de Velasco – die heutige Besitzerin - in seine Fußstapfen. Geleitet wird die Bodega mittlerweile von ihren beiden Söhnen (de facto die neunte Generation in direkter Folge).

Besaß die Bodega ursprünglich auch eigene Weingärten, konzentriert man sich mittlerweile ausschließlich auf den Ausbau und die Vermarktung der Weine, die seit 1997 unter dem eigenen Namen vertrieben werden (bis dahin – aufgrund der Mengenrestriktionen des alten Reglamentos – wurden die Weine an andere Bodegas, wie zum Beispiel Domecq, Garvey, etc. verkauft).

Die Manzanilla – der Star

Hauptaugenmerk legen die Besitzer derzeit auf die Manzanilla (die auch rund 90 % der produzierten Menge ausmacht). Gefüllt wird „on demand“, was dem Konsumenten stets einen ausgesprochen frischen Wein garantiert – in vielen anderen Bodegas leider aus logistischen Gründen nicht möglich.

Die Bodega produziert das gesamte klassische Sherry-Programm – Manzanilla, Amontillado, Oloroso, Moscatel und PX (mit Ausnahme eines Palo Cortados) und verzichtet dankenswerterweise auf Dinge wie Pale Cream etc. Im Keller befinden sich auch einige uralte Amontillados und PX, die auf Grund der geringen Menge aber wohl weiterhin den Besitzern vorbehalten sein werden. 90 % der Produktion nimmt der nationale Markt auf, die restlichen 10 % verteilen sich auf Japan, Amerika, Dänemark und Deutschland (und jetzt auch Österreich).

„Trinkweine“

Die Bodega baut ihre Weine (Amontillado etc.) bewusst eher kürzer aus, um einerseits die Flornoten präsent zu halten, bzw. auch um eine zu starke Konzentration zu vermeiden. Dies führt zu ausgesprochenen „Trinkweinen“, die sich durch die Bank auch als perfekte Speisenbegleiter für leichtere Gerichte eignen. Beim Moscatel und PX bleibt dadurch die Primärfrucht herrlich im Vordergrund. Dass dadurch Höchstbewertungen in den einschlägigen Guides ausbleiben, ist leider ein international trauriges Phänomen (auch wenn man sich dann im Nachhinein gerne über eben diese Tendenz beschwert).

Die Weine im Detail

  • Manzanilla
    (ca. 5 Jahre) – Euro 9,- (Halbflasche Euro 5,50)
    Strahlendes strohgelb, grüne Reflexe, sehr frische Apfelnase, etwas Birne, feine Jodnoten, frische Meerbrise, am Gaumen animierende Säure, auch hier viel Apfel, Alkohol gut eingebunden, etwas Mandel, salzige Noten gut ausgeprägt, wird cremig, mittlerer salz- und apfeldominierter Abgang, langer salziger Nachhall, macht Lust auf me(e)hr!
    8 Punkte

  • Amontillado
    (ca. 7 – 8 Jahre, davon 4 unter Flor) – Euro 10,-
    Helles bernstein, anfangs etwas Karamell, ausgeprägte Flornoten kommen mit Luft, Haselnuss, der Gaumen klar flordominiert, wieder Haselnuss, schönes Wechselspiel mit Salzaromen, sehr fein strukturiert, kräftiger Körper, dabei sehr leichtfüßig, geht auf, langer, primär nussiger Abgang
    7 Punkte

  • Oloroso
    (ca. 7 Jahre) – Euro 10,-
    mittleres bernstein, Nase Walnuss, etwas Malz, viel grüne Nuss, am Gaumen wechseln sich malzige mit grünen Noten ab, etwas Bittermandel, Trockenfrüchte, Hauch von Bitterschokolade, erwärmend, glycerinbedingter süßer Touch, Alkohol trotz Jugend sehr gut integriert, langes Walnussfinish mit leichtem Bitterl, eher leichtfüßiger Typus, gut als Speisenbegleiter geeignet
    6 Punkte

  • Moscatel
    (ca. 4,5 Jahre) – Euro 9,5
    sehr dunkles, fast ins schwarz gehendes braun, sehr saubere und ausgeprägte Moscatelnase, Rosinen, Dörrobst, auch am Gaumen sehr fruchtbetont, dazu wieder Rosinen, Schoko, viel Marille, voller Körper, wärmend, erinnert im langen Abgang an mit Marillenschnaps gefüllte Pralinen, Alkohol hier etwas dominant, Weihnachten im Glas, hervorragend als Dessertersatz geeignet
    8 Punkte

  • PX
    (6 Jahre) – Euro 12,-
    sehr dunkles braun, leichte Grünreflexe, in der Nase Rosinenkonzentrat pur, Dörrobst, am Gaumen wieder Rosinen im Vordergrund, Süße durch Säure gut abgefedert, viel Nuss, Schoko, Dörrobstkorb, Mon Cherie, füllt den Gaumen aus, mittlere Komplexität, Alkohol steht im langen Abgang etwas im Vordergrund
    7 Punkte

    Eine gute Gelegenheit die Weine in Kombination mit dem einem oder anderem Tapa zu probieren, bietet die seit letztem Jahr der Bodega angeschlossene Taberna, die sich im wunderschönen Patio befindet. Öffnungszeiten: Winter nur mittags 12.00 – 15.00 Uhr, Sommer 12.00 – 15.00 Uhr und 21.00 – 01.00 Uhr

    (Klaus Hackl)

  • Bodegas La Cigarrera
    Plaza de Madre de Dios, s/n.
    11540 Sanlúcar de Barrameda
    Tel. 956 38 12 85
    lacigarrera@bodegaslacigarrera.com
    www.bodegaslacigarrera.com

    Bezugsquelle:
    www.al-andalus.at
    Gerhard Hajdusich, Tel. +43 664 4286803
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      foto: bodegas la cigarrera
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