"Wie alt sind Sie?"

11. Februar 2007, 12:00

Marianne Moringer hat unzählige Bewerbungen abgeschickt und versteht den Arbeitsmarkt nicht

Heute ist Sonntag. Ich weiß es, weil ich mir die Zeitung, die sonntags immer fast vor meiner Tür ist, gekauft habe. Sonst? Sonst wüsste ich nicht, ob es Sonntag, Montag ... ist. Ich bin arbeitslos. Das Warum ist eine zu lange Geschichte. Seit vier Jahren bin ich jetzt ohne Job und damit ohne wirkliche Perspektiven. Allein im vergangenen Jahr habe ich über 400 Bewerbungen abgeschickt. Professionelle Bewerbungen. Und bekam zwei Antworten. Negative Antworten, aber immerhin Antworten. Auch in den Jahren davor war es nicht viel besser. Ich habe mich für fast jede Art von Job beworben. Die Grenze zog ich bei der Putzfrau, nicht, weil es kein ehrenwerter Job ist, sondern weil ich dafür nicht geeignet bin. Das häusliche Chaos ist nämlich nach mir benannt.

Ich verstehe die Welt, nein, den Arbeitsmarkt nicht. Ok, ich bin zwar über 50, eine Tatsache, die mir bis zu Beginn meiner Arbeitslosigkeit weder Angst machte noch das Gefühl gab, so richtig alt zu sein. Heute sehe ich das anders. Denn wenn man für die Arbeitswelt zu alt ist, dann wird man fast automatisch tatsächlich alt. Und der Stolz, der leidet ganz gewaltig. Da hat man einen Lebenslauf, bei dem sich fast jeder Arbeitgeber die Hände vor Freud reiben müsste. Und es auch tut, solange er nicht weiß, dass man über 50 ist.

Irgendwann habe ich dann mein Alter in meinem Lebenslauf verschwiegen. Und siehe da, meine Bewerbungen wurden plötzlich – nicht immer, aber immer öfter – wahrgenommen. Ein Beispiel: Ein Personalvermittlungsbüro rief mich an, sagte mir, wie begeistert der Kunde von meinem Lebenslauf sei. Er möchte mich unbedingt kennen lernen. "Sie haben nur vergessen, Ihr Alter anzugeben. Darf ich fragen, wie alt Sie sind?" "54" Das kam sehr zögerlich: "Keine Angst, das Alter spielt bei uns gar keine Rolle. Herzlichen Dank. Wir melden uns bei Ihnen." Sprach's und das war's.

Ich verstehe die Welt, nein, den Arbeitsmarkt nicht. Wir "Alten" haben Erfahrung, sind emotional stabil, kriegen keine Kinder mehr, unser Liebesleben ist entweder gefestigt oder nicht mehr vorhanden, die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns krank melden, weil wir am Vorabend zu sehr gefestet haben, ist minimal, wir arbeiten, weil wir arbeiten wollen und nicht mehr wirklich müssen. Gibt es bessere Voraussetzungen? Nicht wirklich. Aber trotzdem: Heute ist Sonntag. Ich weiss es, weil ....

  • Marianne Moringer, 58
    foto: privat
    Marianne Moringer, 58
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