Höchste Eisenbahn für den Koralmtunnel

28. März 2007, 15:00
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Ein Raumplaner wirbt um Verständnis für "aufmüpfige" Landeshauptleute - Von Harald Eicher

Im Zuge der aktuellen Auseinandersetzungen um den Koralmtunnel sind die Kärntner und neuerdings auch die Steirer in Wien als "Aufmüpfige" verschrien. Aber ist das Unverständnis der beiden Landeshauptleute für die neuerlichen Verzögerungsanstrengungen historisch-verkehrsgeografisch wirklich so schwer nachzuvollziehen, wenn man bedenkt, dass an Österreichs Südachse gleich viele Menschen leben wie an der Donauachse, dass aber die bisherige Schienenausbaupolitik diesem Umstand in keiner Weise Rechnung trug.

Es war ja auch für Wien ganz selbstverständlich, dass der Bund 50 Prozent der Baukosten der Wiener U-Bahn mittrug, ebenfalls ein kostenintensiver Schienenverkehrsträger abseits der Normalverkehrsebene, der in seiner Gesamtheit alle bisherigen Neubauinvestitionen im Bereich Schiene - bezeichnenderweise fast alle dem Donau-Korridor gewidmet - übertraf.

Der Grazer Bürgermeister sagte neulich verärgert, für die Landeshauptleute von Wien und Niederösterreich hört Österreich offenbar an der niederösterreichischen Landesgrenze auf. Im Grunde genommen ist es noch extremer: Wir leben im frühen Babenberger-Reich, denn auch an Wiener Neustadt werden die Expresszüge der Zukunft vorbeifahren, wenn der Landeshauptmann hinterm Semmering weiterhin mit juristischen Winkelzügen den Ausbau der Schiene verhindert (gegen Feinstaub- und Abgasbelastung durch die Hochleistungsstraße allerdings keine Einwände hat).

Es sollte vielleicht auch ein wenig nachdenklich stimmen, dass es die kürzlich verstorbene EU-Energie-Kommissarin Loyola de Palacio war, die als letzte politische Aktivität ihres Lebens die EU-Verkehrsachse Nr. VI Danzig-Wien-Bologna neu definiert hat. Im Juni 2006 zeigte sie Slowenien und Ungarn im Auftrag von EU-Vizepräsident und Verkehrskommissar Jacques Barrot die "gelbe Karte", weil dort alle Großinvestitionen auch mittelfristig nicht annähernd verwirklichbar sind: Im budgetären Realitätsdruck löst sich die von diversen "Experten" wie auch von der Verkehrssprecherin der Grünen, Gabriele Moser, forcierte, vermeintlich "bessere" Umgehungsbahn von Korridor V in Luft auf.

Fata Morgana

So hat Slowenien 2006 für die Bahninfrastruktur nur 16,9 Millionen Euro ausgegeben, 2007 sind gar nur 15,1 Millionen budgetiert, für die Hochleistungsstraße jedoch 54,6 Millionen. Das kann Brüssel nicht gutheißen.

Zugleich hat Slowenien der EU-Kommission für die Konkurrenzstrecke zwischen Ljubljana und Budapest, die bezeichnenderweise die großen Städte Maribor und Szombathely umgeht, bis 2015 lediglich eine Investitionsbereitschaft in der Höhe von 760 Millionen Euro gemeldet. Das ist ein Fünftel der Investitionen in die Koralmbahn. Da haben Raumforscher zur Verhinderung der neuen Südbahn mit einer Fata-Morgana-Hochleistungskonkurrenzstrecke operiert, ohne jemals in die nationalen Verkehrswegepläne der Nachbarstaaten hineingeschaut zu haben!

Immerhin - ein wenig ausgleichende Gerechtigkeit wurde in diesen Tagen auch den südlichen Bundesländern zuteil: Wäre bei den Wahlen das BZÖ nicht knapp, aber doch ins Parlament gekommen, hätten wir möglicherweise die grüne Verkehrssprecherin als notorische Gegnerin der Großinvestition "Neue Südbahn" im Schlüsselressort.

In Italien war es ähnlich knapp. Erst die Wenderegierung Prodi hat es ermöglicht, dass nicht nur die Alpenkonvention endlich unterzeichnet wurde, Italien hat sich auch dem "Steering Committee Baltic-Adric-Corridor" (derzeit unter polnischem Vorsitz) angeschlossen und den "Letter of Intent" bei der Verkehrsministerkonferenz von Luxemburg (12. 10. 2006) unterschrieben, wonach das EU-Priority-Project No. 23 (derzeit Danzig- Warschau-Wien) auf Österreichs "schrägen Durchgang" bis Bologna durchgebunden werden soll. Pietro Lunardi, ehemals Verkehrsminister der Berlusconi-Regierung hatte dies vor einem Jahr noch kategorisch ausgeschlossen ...

Positives Signal

Als Glücksfall muss auch die Tatsache gewertet werden, dass sowohl der Altbundeskanzler als auch sein Amtsnachfolger sich als "Europäer" verstehen und offenbar die neue politische Landkarte besser lesen können als so manche Raumplaner. So wurde dem Verfasser bereits am 13. September 2006 vom SPÖ-Vorsitzenden bestätigt, dass dieser die Koralmbahn und die Südbahntrasse im Sinne einer gesamteuropäischen Achsenlösung befürworte.

Und was den "Zentralbahnhof Europa Mitte" betrifft, bleibt nur zu hoffen, dass dieses Großbauwerk nicht abseits des "Passaggio Diagonale Austriaca" zu liegen kommt. Wenn nämlich durch eine fortgesetzte Blockade der Südbahntrasse künftige Expresszüge nach Sopron (Ödenburg) gezwungen werden, kann mittelfristig der Fall eintreten, dass der "Zentralbahnhof Europa Mitte" nach Bratislava "abwandert".

Die Niederösterreicher und Wiener dürfen dann ihren Landeshauptleuten ein Denkmal setzen.

Zur Person
Der Verfasser ist Professor am Institut für Geographie und Raumforschung der Karl- Franzens-Universität in Graz; ein unter seiner Federführung und im Auftrag der Kärntner Landesregierung erstelltes "Argumentarium" zum Kor-almtunnelprojekt ("Die Baltisch-adriatische Verkehrs-achse") ist unter hier einsehbar.
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