Hickersberger: "Katastrophales Spiel"

20. März 2007, 18:45
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ÖFB-Ursachenforschung nach enttäuschendem 1:1 auf Malta - "Auch negative Erkenntnisse bringen uns weiter"

Wien - Einen Tag nach dem enttäuschenden 1:1 der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft auf Malta am Mittwoch hat Teamchef Josef Hickersberger Ursachenforschung betrieben. Dabei wollte der Niederösterreicher die triste Vorstellung seiner Schützlinge nicht beschönigen, wies aber auch auf den ungünstigen Zeitpunkt der Partie hin - die meisten ÖFB-Internationalen standen im Gegensatz zu den Insel-Kickern noch nicht im Meisterschaftsbetrieb.

Die rhetorischen Fähigkeiten

"Wir haben gestern alle ein sehr schlechtes, katastrophales Spiel gesehen. Ich werde nicht versuchen, das Spiel schönzureden, so gut bin ich rhetorisch gar nicht", erklärte Hickersberger. "Die Spieler wollten gewinnen, diesen Eindruck habe ich gehabt. Aber wir waren spielerisch und technisch zu schwach. Es ist uns nur selten gelungen, über die Flügel anzugreifen. Der letzte Pass und der Abschluss haben nicht gestimmt", analysierte der 58-Jährige und erwartet von seinen Kickern "die nötige Selbstkritik".

Die scharfe Kritik von ÖFB-Präsident Friedrich Stickler wollte "Hicke" aber nicht unerwidert lassen. "Es bringt nichts, zu jammern und zu lamentieren, dass es zwei Schritte zurück waren", meinte Hickersberger, der aber auch Verständnis für die Vorwürfe des Lotterien-Boss äußerte. "Es ist sein gutes Recht und auch seine Pflicht, nach solchen Spielen Kritik zu üben. Damit kann ich umgehen."

Beim Heimflug am Mittwochabend führte der Teamchef ein längeres Gespräch mit dem ÖFB-Chef. "Er ist von falschen Voraussetzungen ausgegangen, nämlich dass es einen linearen Aufwärtstrend gibt." Er habe Stickler aber die schwierige Situation auf Grund der mangelnden Fitness mancher Kicker klargemacht.

Jede Möglichkeit der Vorbereitung nützen

"Stickler hat gefragt, ob es überhaupt sinnvoll ist, solche Spiele durchzuführen. Ich habe gesagt, dass wir im Hinblick auf die EURO jede Möglichkeit zur Vorbereitung nützen müssen. Das ist noch immer besser als überhaupt nichts zu machen und uns vor den Spielen gegen Ghana und Frankreich erstmals zu sehen", erzählte Hickersberger.

Für das kommende Länderspiel am 24. März versprach der frühere Rapid-Meistermacher eine Steigerung. "Wir werden gegen Ghana viel besser ausschauen, da wird es im Vorfeld auch andere Erwartungen geben", so Hickersberger. Außerdem haben zu diesem Zeitpunkt alle Teamkicker schon einige Liga-Partien absolviert - gegen Malta sei die mangelnde Spielpraxis noch deutlich erkennbar gewesen.

Müde Beine durch Vorbereitung

"Die technischen Mängel waren auch darauf zurückzuführen, dass die Spieler bei ihren Vereinen zuletzt viel im konditionellen Bereich gearbeitet haben, müde Beine hatten und auch geistig nicht spritzig genug waren", erläuterte der Niederösterreicher und wies darauf hin, dass ein österreichisches Nationalteam seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie ein offizielles Länderspiel im Februar gewonnen hat. 2008 steht in diesem Monat allerdings wieder eine Partie auf dem Programm, wenn Deutschland in Wien gastiert.

Trotz des ungünstigen Zeitpunkts habe das einwöchige Teamcamp samt Testspiel auf Malta seinen Zweck erfüllt. "Es war richtig, das Trainingslager und das Spiel durchzuführen, weil wir im Hinblick auf die EURO keinen Termin herschenken können, obwohl solche Partien gefährlich und oft mit schlechten Resultaten verbunden sind. Auch im Wissen um die Probleme bei diesem Termin gibt es keine andere Wahl als alles zu unternehmen, um uns bis zur EURO zu verbessern", betonte Hickersberger.

"Negative Erkenntnisse bringen uns weiter"

Aus diesem Grund sei das erste Remis nach bisher sechs Siegen gegen Malta auch "kein Anlass für nationale Trauer. Auch negative Erkenntnisse bringen uns weiter." Positive Aspekte waren für den Teamchef nur schwer auszumachen. "Aber wir haben gesehen, dass Standfest auf der rechten Seite in der Offensive seine Qualitäten hat, auch wenn er in der zweiten Hälfte konditionelle Probleme bekommen hat. Mit Fuchs war ich sehr zufrieden, er hat eine tadellose Leistung gebracht", sagte Hickersberger, der auch Andreas Ivanschitz und Martin Hiden lobte und für die schwache Leistung von Thomas Prager Verständnis hatte. "Er hat leider keine gute Tagesform erwischt, aber an den glaube ich. Er hat großes Potenzial."

Bei der Darbietung von Martin Stranzl sei zu berücksichtigen, dass der Burgenländer zuletzt auch mit seinem Klub Spartak Moskau lange auf Trainingslager war, Rene Aufhauser befindet sich laut Hickersberger "nicht in der Form vom Trinidad-Match".

Sorgen wegen der Spielpraxis

Noch mehr Sorgen bereiten dem Teamchef Markus Weissenberger und György Garics, die beide bei ihren Klubs zuletzt nicht einmal eingewechselt wurden. "Bei Weissenberger war nicht zu übersehen, dass er nicht zum Einsatz kommt. Garics habe ich klar gemacht, dass ich ihn nicht mehr einberufen kann, wenn er nicht mehr Spielpraxis bekommt." Den schwachen, zur Pause ausgewechselten Andreas Ibertsberger ("Man kann Spieler nicht nach einer Hälfte beurteilen") nahm Hickersberger in Schutz.

So wie sein Assistent Andreas Herzog forderte der Nationalcoach seine Schützlinge trotz aller derzeitigen Harmonie im Kader auf, manchmal auch lauter zu werden. "Wir müssten uns mehr gegenseitig pushen, das passiert mir immer noch zu wenig." Für Herzog ist die Mannschaft "fast ein bisschen zu brav", er forderte mehr Emotionen. "Das heißt ja nicht, dass man sich gegenseitig gleich die Knochen poliert." (APA)

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    Josef Hickersberger baut auf die Spielpraxis seiner Akteure.

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