Musikrundschau: Melancholie und Sanftmut

8. Februar 2007, 18:08
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Neue Alben von Rocko Schamoni, Benni Hemm Hemm, Husky Rescue, Mose und Chris & Carla

ROCKO SCHAMONI & LITTLE MACHINE
(Trikont/Hoanzl)
Der Hamburger Entertainer feiert mit diesem Album einen (vorläufigen?) Abschied von der Musik und will sich fortan der einträglicheren Literaturproduktion widmen. Immerhin hat der 40-jährige aus dem Umfeld des Pudel-Club und der Goldenen Zitronen mit Romanen wie Dorfpunks veritable Erfolge eingefahren. Diese letzten Songs aber, allen voran Leben Heißt Sterben Lernen, Zu Dumm Um Frei Zu Sein oder der Rundumschlag Jugendliche, zeigen noch einmal Schamonis große musikalische Klasse zwischen deutschem Blumfeld-Schlager, souligen Klängen und Punk-Hintergrund.

BENNI HEMM HEMM
Kajak
(Morr Music/SoulSeduction)
Der junge isländische Sänger und Entertainer Benedik H. Hermannsson veröffentlicht nur wenige Monate nach seinem zu Herzen gehenden selbstbetitelten Debüt mit den 13 Songs von Kajak, dieses Mal ausschließlich in seiner Muttersprache singend, eine weitere Großtat zwischen Bierzelt, Gänsehaut machenden Balladen und windschiefen Big-Band-Klängen. Für Freunde der schottischen Sanftmut-Tragöden Belle & Sebastian ebenso ein Muss wie für Hörer, die sich zwischen Radiohead, Sigur Ros, Northern Soul und Christian Anders' Geh Nicht Vorbei oder Es Geht Ein Zug Nach Nirgendwo gern einen Viertelliter Krokodilstränen abringen. Am 7. März kann man den guten Mann im Wiener Planet Music erstmals live in Österreich erleben. Kommen Sie, staunen Sie!

HUSKY RESCUE
Ghost Is Not Real
(Catskills Records/Soul Seduction)
Eine junge finnische Band, ebenfalls auf den Spuren von Radiohead, Sigur Ros oder Bands des deutschen Morr-Labels. Siehe: The Notwist oder Lali Puna. Mit weiblichem Gesang, jeder Menge Hall und atmosphärischen Keyboards und freundlichem Gitarrengezupfe geht es in verwunschene nächtliche Traumwelten. Vor allem auch der Eröffnungssong My Home Ghost und das elegische Diamonds In The Sky deuten darauf hin, dass dieses Schattenreich von seltsamen Wesen bevölkert ist. Gefährliche Kuschelmonster lugen unter den Keyboard-Teppichen hervor. Sie rülpsen närrische Drohungen auf die Festplatte. Süß!

MOSE
Grein
(Musikladen/Hoanzl)
Das aus Veteranen der lokalen Bluesrockszene bestehende Vorarlberger Quartett hat sich mit dem neuen Album endgültig von seinen Zwölftaktwurzeln gelöst. Es produziert jetzt altersweise, atmosphärisch verhallte, souverän zurückgelehnte und im besten Sinn ambitionslose Americana-Songs auf halbakustischer Basis. Die großen US-Vorbilder Calexico lassen ebenso grüßen wie die über die Jahre leider etwas in Vergessenheit geratenen Zeitlupenkaiser Souled American oder The Handsome Family, Low und The Gourds. Gute Sache!

CHRIS & CARLA
Fly High Brave Dreamers
(Glitterhouse/Hoanzl)
Im Americana-Bereich sind auch die beiden US-Musiker Chris Eckman und Carla Torgerson beheimatet. Seit Ende der 80er-Jahre nicht nur mit ihrer Stammband The Walkabouts, sondern auch als Duo. Aufgenommen wurde das neue Album in Eckmans Wahlheimat Ljubljana. Der Grundton ist wie immer melancholisch. Dieses Mal steigert man im Gegensatz zu früheren Arbeiten allerdings das Betriebstempo auf eine Form von wohliger Lebensmüdigkeit, die das Lachen noch zulässt. Zentrale Songs: At The Twilight's Last Gleaming und Salad Days, eine Coverversion der Young Marble Giants. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.2.2007)

  • "Kajak"
    foto: morr music/soulseduction

    "Kajak"

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