Ein Bakterium ging um die Welt

7. Februar 2007, 20:06
1 Posting

Helicobacter ist so alt wie wir Menschen - Genetische Merkmale des Magenkeims helfen die menschliche Migra­tion zu rekonstruieren

Das Bakterium Helicobacter pylori, das Gastritis und Magenkrebs auslösen kann, ist so alt wie wir Menschen, wie Forscher nun entdeckten. Zudem konnten sie anhand der genetischen Merkmale des Magenkeims die Migrationsgeschichte der Menschheit rekonstruieren.

*****

London/Berlin - Der lästige Magenkeim hat schon des Öfteren für Überraschungen gesorgt. Die bisher letzte war die Verleihung des Nobelpreises für Medizin oder Physiologie 2005 an jene beiden australischen Forscher, die seine Gefährlichkeit bewiesen. Barry Marshall, einer der beiden Laureaten, hatte sich dafür sogar im Selbstversuch mit Helicobacter pylori infiziert. Denn bis dahin war die Scientific Community überzeugt gewesen, dass Bakterien wegen des hohen Säuregehalts im Magen nicht überleben können.

Helicobacter pylori kann - und das bereits seit rund 100.000 Jahren, wie ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Bodo Linz (Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie/Berlin) in der aktuellen Ausgabe des britischen Fachblatts Nature darlegt. Mit anderen Worten: Wir Vertreter der Gattung Homo sapiens sapiens haben schon immer an Gastritis und Magengeschwüren gelitten.

Der Clou der neuen Untersuchungen: Sie bestätigen auch, dass der moderne Menschen aus Ostafrika stammt und vor rund 60.000 Jahren mit seiner Migration rund um den Globus begann. Denn Bakterium und Mensch, sie marschierten zwar nicht Hand in Hand, aber doch miteinander. "Helicobacter pylori ist nicht nur überall, er besitzt auch eine Stammesgeschichte, die darauf hindeutet, dass sie mit den Wanderungsbewegungen des Menschen übereinstimmt", schreiben die Wissenschafter in Nature.

Zu dieser These kamen die Forscher, indem sie die genetischen Merkmale von 769 Helicobacter-pylori-Proben untersuchten, die man aus den Mägen ebenso vieler heutiger Menschen aus allen Weltregionen gewonnen hatte. Die Proben wurden auf ihre Verwandtschaft untersucht, und dabei stellte sich heraus, dass H. pylori allem Anschein nach vor rund 58.000 Jahren aus Ostafrika kam. "Insgesamt zeigt sich, dass der moderne Mensch schon vor seiner Migration über Afrika hinaus mit H. pylori infiziert war. Der Keim behielt seither sein intimes Verhältnis mit dem Menschen."

Genetische Bandbreite

Diese Behauptung, die von den Forschern in etwas anderer Form bereits 2003 im Wissenschaftsmagazin Science publiziert worden war, stützt sich auf eine altbekannte Erkenntnis: Je weiter sich nämlich ein Organismus von seinem Ursprungsort entfernt, desto schmäler ist seine genetische Bandbreite. Das heißt: Die Menschen in Afrika haben wegen des Alters der Spezies bzw. ihrer dortigen Herkunft die größte genetische Variationsbreite. Je jünger ausgewanderte Populationen sind, desto schmäler ist sie. Das trifft offenbar auch auf den mitgewanderten Helicobacter pylori zu. Und daraus wiederum lassen sich Migration und ursprüngliche Herkunft ableiten.

So sind 85 Prozent der Abnahme der genetischen Diversität bei dem Magenkeim auf die Entfernung heutiger Menschen von ihrer ursprünglichen Heimat in Ostafrika zurückzuführen. Ganz wie der Humangenetiker Luca Cavalli-Sforza anhand von Blutproben von Menschen belegte, wanderte Homo sapiens sapiens vor rund 60.000 Jahren samt seinem Magenkeim aus Afrika aus, kam vor 25.000 bis 40.000 Jahren in Europa an und wanderte erst vor knapp 8000 Jahren in Südamerika ein - auch damals schon mit Magenschmerzen. (APA, tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 8. Februar 2007)

  • Je weiter sich das lästige Magenbakterium Helicobacter pylori gemeinsam mit dem Menschen von seiner Wiege in Ostafrika entfernte, desto schmäler wurde seine genetische Bandbreite.
    grafik: der standard

    Je weiter sich das lästige Magenbakterium Helicobacter pylori gemeinsam mit dem Menschen von seiner Wiege in Ostafrika entfernte, desto schmäler wurde seine genetische Bandbreite.

Share if you care.