"Wir sind Web 0.1, nicht Web 2.0"

15. Februar 2007, 10:35
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Nur Text, keine bunten Bilder: Craigslist ist mit seinen Kleinanzeigen in den USA zur Institution geworden

In den USA ist Craigslist längst zu einem Haushaltsbegriff geworden, so selbstverständlich wie der Kleinanzeigenteil der Zeitungen, wenn man was zu verkaufen hat, neugeborene Katzen weiterbringen will oder eine Wohnung sucht. Und Craig Newmark, der Craigslist.org 1995 in der San Francisco Bay Area gründete und vergangenes Jahr von Time als einer der 100 einflussreichsten Amerikaner geadelt wurde, ist trotz einer Milliarde Seitenaufrufe im Monat eine Art Relikt, der weiterhin seiner anarchistischen wirkenden Version des Internet nachgeht.

Hilfe

"Internet war dazu da, dass Leute einander helfen können, und das passiert noch immer, obwohl man mit dem ganzen kommerziellen Zeugs leicht verwirrt werden kann. Wir sind Web 0.1, und nicht Web 2.0", sagte Newmark vor Kurzem dem Standard bei der Digital-Life-Design-Konferenz der Burda Media sein altmodisch wirkendes Konzept. Craigslist wirkt so spartanisch wie Googles Interface - keine Videos oder blinkende Werbung, nur Text. "Wir sind eine ganz simple Plattform, um den Leuten zu helfen, ihre Alltagsgeschäfte zu erledigen, wie einen Job oder ein Heim zu finden."

Sowohl als auch

Das Meiste auf Craigslist ist gratis, manches kostet. "Wir sind keine Altruisten, aber wir geben Leute im kommerziellen Getriebe des Web eine Pause, und das funktioniert. Wir haben die Leute gefragt, was wir tun können, damit wir unsere Rechnungen zahlen können", erklärt Newmark, herausgekommen sind sehr unterschiedliche Zahlmodelle für unterschiedliche Märkte. So sind Stellenanzeigen von Arbeitgebern und Immobilienanzeigen in sieben US-Städten gebührenpflichtig, anderswo nicht.

Missgunst

Manche US-Zeitungsverleger haben ihn als ihren Lieblingsfeind erkoren - einer, der ihnen ihr erträgliches Kleinanzeigengeschäft weggenommen habe. "Wir sind das kleinste Problem der Zeitungen, nur ein sichtbares. Sie können dasselbe machen, und wenn die Kleinanzeigen nicht bei uns sind, dann sind sie eben auf anderen Websites", sagt Newmark.

Mehr von allem

Wo er in zehn Jahren sein will? "Mehr desselben, mehr Städte, einfachere Werkzeuge. Unsere Expansionsstrategie ist einfach: Mundpropaganda", sagt Newmark. "Mein persönliches Interesse ist es, neue Formen von News-Media zu entwickeln", wie das von ihm finanziell unterstützte newassignment.net. "Aber als Unternehmen wollen wir fokussiert bleiben und diese Projekte nicht in Craigslist aufnehmen. Ich helfe durch Spenden." (Helmut Spudich, Der Standard/Printausgabe vom 7.2.2007)

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    craigslist.org
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