Extremist zwischen Stille und Lärm

6. Februar 2007, 20:02
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Otomo Yoshihide, Zentralfigur der japanischen Szene, über Klänge sowie musikempfindliche Nachbarn

Wien - Es ist ja schon viel dar-über räsoniert worden, welche Zusammenhänge es denn geben könnte zwischen japanischer Mentalität, dem Grundprinzip der Wahrung von Contenance und gesellschaftlicher Etikette und der aus diesem Land stammenden, sich durch Brachialität auszeichnenden Noise-Szene, die zumindest auf diesem Planeten ohne Pendant ist.

"Das mag ein Teil der Erklärung sein", so Otomo Yoshihide, "Ich vermute auch andere Ursachen. Die Wurzeln der Noise-Musik liegen im japanischen Free Jazz, der ebenfalls zu hoher Intensität tendierte - weil die ersten Free-Musiker die Platten sehr laut hörten. In den 60ern gab es in Japan keine direkte Information über Free Jazz, nur die Platten."

Klingt gewagt, doch Otomo, der 47-jährige Gitarrist und Turntablist aus Tokio, muss es wissen - ist er doch bei japanischen Free-Legenden in die Schule gegangen, um seit den frühen 90ern, seit er mit seiner Dezibelträchtigkeit mit enormer Wandlungsfähigkeit verbindenden Noise-Bigband "Ground Zero" für Furore sorgte, selbst als zentrale Figur der Avantgardeszene zu gelten.

Dass diese berühmte Formation 1997 wieder aufgelöst wurde, hatte mit dem wachsenden Einfluss einer anderen Improvisationsphilosophie zu tun: dem der "Onkyo-Schule", die der orgiastischen Verdichtung eine Haltung der Reduktion, einen Extremismus der Stille entgegensetzt - zu Beginn eher aus pragmatischen Gründen, wie Otomo betont: "Eine der Ursachen der Entstehung der Onkyo-Musik war, dass sie nicht in Rock- und Jazzclubs, sondern in kleinen Cafés oder Galerien gespielt wurde - wo nur leise Musik möglich ist. Da japanische Häuser oft hölzerne Wände aufweisen, muss man auf die Nachbarn Rücksicht nehmen - sonst steht gleich die Polizei vor der Türe!"

Insbesondere die winzige Tokioter Galerie "Off Site" gilt aufgrund jener Umstände als Geburtsort der Onkyo-Musik, die sich in den 90er-Jahren parallel zu Tendenzen der Klangmikroskopie in Wien (Radian, Polwechsel etc.), Berlin und anderswo entwickelte und zu der Otomo durch den Einfluss von Arbeits- und Lebenspartnerin Sachiko M Zugang fand, zu deren Markenzeichen die flirrenden Sinustöne eines ohne Daten-Input gespielten Samplers avanciert sind.

Auch Otomo lässt seither seinen Plattenspieler gleichsam zu sich selbst kommen, indem er ihn ohne Platten spielt - und ihm dennoch eine reiche Fülle an Sounds entlockt. So zu vernehmen kürzlich im Porgy & Bess, wo Otomo im Rahmen des Jeunesse-Zyklus "Fast Forward" das mit Sachiko M, Axel Dörner und Martin Brandlmayr besetzte Quartett präsentierte.

"Onkyo und Noise sind für mich in der Idee ähnlich - wie Schwarz und Weiß. Ich brauche beides!" so Yoshihide, der seit 1999 mit dem New Jazz Quintet, in dem er seine Free-Jazz-Wurzeln mit elektronischen Noise-Attacken kurzschließt, eines der spannendsten Improvisationsensembles der Gegenwart betreibt.

Kürzlich zum "New Jazz Orchestra" aufgestockt, unterzog er zuletzt Eric Dolphys Out to Lunch, das letzte Album des 1964 36-jährig verstorbenen Avantgarde-Jazzers, einer gran-diosen Neudeutung (bei Doubt Music). "Out To Lunch ist das Werk eines Mannes, der noch mitten am Weg war, der seine Ideen noch nicht ausformuliert hatte. Deshalb steckt diese Musik für mich voller Möglichkeiten, voll potenzieller Zugänge zu neuen musikalischen Welten." (Andreas Felber/ DER STANDARD, Printausgabe, 07.02.2007)

  • Pendelt zwischen Lärm und Stille - der japanische Künstler Otomo Yoshihide.
    foto: standard/newald

    Pendelt zwischen Lärm und Stille - der japanische Künstler Otomo Yoshihide.

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