Düster fließende Nachtgespräche

6. Februar 2007, 20:13
posten

Lenot-Uraufführung in Genf: "j'étais dans ma maison et j'attendais que la pluie vienne"

Genf - Die Musen hatten es schwer in Genf. 1738 wurde ein erstes Theater gebaut, kurze Zeit später verbot man jegliche Volksbelustigung. Ein weiteres Theater wurde 30 Jahre später eröffnet, brannte aber aus. In den nächsten 200 Jahren baute man erneut, riss wieder ab, baute neu, bis man dann im 19. Jahrhundert dank Wagner und Massenet relevant wurde, dies auch in den 1930ern durch den Dirigenten Ernest Ansermet blieb. Doch 1951 wieder ein Brand ... Jean-Marie Blanchard leitet also ein leidgeprüftes Theater. Für das 1500 Plätze anbietende Haus setzt er aber erfolgreich auf einen Mix aus romantischer Oper, maßvoller Regie und Sängerelite. Wichtig auch Neue Musik, man vergibt Aufträge, nun schrieb Jacques Lenot die Oper J'étais dans ma maison et j'attendais que la pluie vienne ("Ich war in meinem Haus und wartete, dass der Regen kommt"). Die Theaterstückvorlage von Jean-Luc Lagarce handelt jedoch weniger vom Regen denn vom Warten.

Sechs Protagonisten warten, fünf davon räsonieren über Vergangenes, Gegenwärtiges und die Zukunft. Die um sich selbst kreisende Sprache oszilliert zwischen Kargheit und Intensität. Lagarce schuf eine minimalistische Situation zwischen Beckett, Tschechow und griechischer Tragödie. Es sitzen da fünf Frauen aus drei Generationen beisammen: Großmutter, Mutter und drei Schwestern. Die Frauen reden über den nebenan liegenden Jungen, den der Vater einst aus dem Haus warf. Jetzt ist der Junge zurückgekehrt, hat sein Kinderzimmer bezogen, offenbar um zu sterben. Als ständig in den Gesprächen Anwesender bleibt er auf der Bühne abwesend, nur ganz am Schluss hört die Mutter ein Geräusch von nebenan ...

Männliche Störgeräusche

Lagarce schafft eine düstere Atmosphäre voller Rätsel, lässt die Figuren aber auch reale Gefühle durchleben. Von der sprachlichen Musikalität ließ sich Lenot inspirieren und schuf ein dichtes Klanggewebe, das sich spätromantisch gibt. Ein nervöser, leiser Musikfluss verbindet die Szenen, die doch auch ihre ganz eigene musikalische Temperatur besitzen: am Beginn steht ein Klaviersolo, fast im Stil Schumanns, beim Auftritt der jüngsten Frau gibt es eine zarte "Tanzmusik", dann auch A-cappella-Gesang der Frauen - mit Störgeräuschen eines Männer-Chors. Eindrucksvoll Lenots Bearbeitung von Chorälen, kunstvoll verschachtelt er Einzelstimmen, versetzt sie in Erregung. Christophe Pertons Regie setzt auf eine reduzierte Personenführung und sich ändernde Spielorte: ein Wohnzimmer, Wandteile mit Fenstern, Türen, Zimmerfluchten verschieben sich in- und gegeneinander. So entsteht ein suggestiver Trip durch Erinnerungslandschaften. Die äußerst fein gestalteten Gesangslinien erweckten vor allem die Sopranistin Valérie Mc Carthy sowie die Altistin Emma Curtis zum Leben. Bestens präpariert war das Orchester unter Daniel Kawka. Und der Chor. (Jörn Florian Fuchs aus Genf /DER STANDARD, Printausgabe, 07.02.2007)

  • Artikelbild
    foto: gtg/mario del curto
Share if you care.