Sind wir noch zu retten?

28. März 2007, 15:00
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Geologische Relativierungen zum UN-Bericht - Kommentar der anderen von Hans Egger

Im neuen Bericht des IPCC wird behauptet, die derzeitige Erwärmung der Erdatmosphäre sei "beispiellos". Diese Behauptung bezieht sich auf den Zeitraum, aus dem Temperatur- und Niederschlagsmessungen vorliegen, d. h. etwa auf die letzten 150 Jahre. Gemessen an vier Milliarden Jahren Erd- und Klimageschichte ist dieser Beobachtungszeitraum viel zu kurz, um damit seriöse langfristige Prognosen für den Klimaverlauf erstellen zu können. Vor allem stimmt die Behauptung "beispiellos" nicht. Betrachtet man die so genannte Zachos-Kurve (Science, 2001), die die Klimaentwicklung in den vergangenen 65 Millionen Jahren widerspiegelt, so sieht man, dass es in der Erdgeschichte durchaus ähnliche Situationen wie heute gegeben hat.

Ein gutes Modell für die derzeitige Situation ist die Zeit vor 55 Millionen Jahren. Denn damals gelangte, ausgelöst durch vulkanische Aktivität, eine ähnlich große Menge Treibhausgas in die Atmosphäre, wie sie die Menschheit in den nächsten 100 Jahren durch das Verbrennen von fossilen Energieträgern freisetzen wird. Damals hatte diese hohe Kohlendioxidkonzentration vor allem eine Erwärmung der hohen und niederen Breiten zur Folge. So lag die Temperatur des Meeres rund um die Antarktis bei etwa 20° C, im hohen Norden Kanadas tummelten sich Alligatoren und andere tropische Tiere und auf Kamtschatka wuchsen Palmen. In Europa herrschte ein subtropisches Monsunklima mit ausgeprägten Trocken- und Regenzeiten; die Landschaft war mit einer savannenartigen Vegetation bewachsen.

Sollte sich derartige Zustände wieder einstellen, hätte das für die Menschheit, langfristig gesehen, sehr positive Auswirkungen. Riesige neue Siedlungsräume (die Antarktis, Grönland, die Polargebiete Amerikas und Asiens) würden zur Verfügung stehen, durch die der Landverlust durch den Meeresspiegelanstieg mehr als ausgeglichen werden würde. Zudem sind in diesen Gebieten große Rohstoffvorkommen zu vermuten, da zum Beispiel die Antarktis paläogeografisch an Südafrika und Australien angrenzte und die dortigen Erz- und Kohlelager auch in der Antarktis vorhanden sein müssten. In der Arktis kann mit großen Kohlenwasserstoffvorkommen gerechnet werden. Der Fortbestand unserer Zivilisation wäre mit diesen Ressourcen für einige Zeit gesichert.

Kurzfristig gesehen würden die Migrationsbewegungen, mit denen die unmittelbar betroffenen Menschen versuchen werden in neue Lebensräume auszuweichen, die politische Weltkarte nachhaltig verändern. Ob eine solche neue Völkerwanderung ohne kriegerische Auseinandersetzungen ablaufen kann, ist mehr als fraglich. Die einzig wirksame Gegenmaßnahme wäre eine rechtzeitige globale Übereinkunft, wie die neuen Siedlungsgebiete aufgeteilt werden sollen.

Soweit die möglichen Szenarien. Tatsache ist, dass wir gegenwärtig noch immer in einer sehr kühlen erdgeschichtlichen Periode leben, denn die Vereisung der Polargebiete war in der Vergangenheit unseres Planeten die Ausnahme und nicht die Regel. Sollten nun also die Relikte der letzten Eiszeit tatsächlich schmelzen, würde sich sozusagen wieder der "Normalzustand" einstellen.

Diese Entwicklung war früher oder später zu erwarten und wird jetzt durch den Kohlendioxidausstoß der Menschheit vermutlich beschleunigt. Wie weit diese Entwicklung aber gehen wird, und ob sie nicht durch andere Klimafaktoren wieder gebremst oder umgekehrt wird, weiß derzeit niemand.

Sehr positiv an der derzeitigen Klimahysterie ist, dass endlich auch von den politischen Entscheidungsträgern ernsthaft über den verantwortungsvollen Umgang mit Rohstoffen, wozu ich vor allem unsere Umwelt zähle, nachgedacht wird.

Sehr negativ daran finde ich, dass die eigentliche Ursache der Umweltgefährdung kaum erwähnt wird. Solange sich die Menschheit ungebremst vermehrt, solange wird sie ihren Lebensraum immer stärker verändern. Die wirklich neue und "beispiellose" Situation auf unserem Planeten ist, dass eine einzige Spezies es geschafft hat, zum geologischen Faktor zu werden. Der Mensch hat heute auf Grund seines Massenauftretens die Macht, die Umweltbedingungen auf der Erde zu ändern. Stolz brauchen wir darauf nicht sein, denn ganz offensichtlich sind wir dieser neuen Verantwortung nicht gewachsen und unfähig mit globalen Reaktionen der Umweltzerstörung zu begegnen.

Solange man keinen Weg gefunden hat, das Bevölkerungswachstum in den Griff zu bekommen, solange werden alle Versuche eines globalen Umweltschutzes im Sand verlaufen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.2.2007)

Johann Egger lehrt Paläontologie an der Geologischen Bundesanstalt in Wien.
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