Gezielte Irreführung

28. März 2007, 15:00
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Replik auf "Umwelt-Dissident" Björn Lomborg - Kommentar der anderen von Marina Fischer-Kowalski

Einer, der anderen das Prädikat "irreführend" verleiht, wie Björn Lomborg in seinem an dieser Stelle publizierten Kommentar ("Klimaschutz: Cool bleiben", 27.1.07) dem ehemaligen US-Vizepräsidenten und Filmemacher Al Gore, muss gewärtig sein, dass dieses Prädikat auf ihn selbst angewendet wird. Der Vorsitzende des "Danish Committee for Scientific Dishonesty", Brydensholdt, hat 2002 in einem Interview mit der Zeitschrift Science das negative Urteil des Komitees über Björn Lomborg mit dessen "systematischer Einseitigkeit" begründet. Dies geschah in Reaktion auf Lomborgs 2001 erschienenes Buch "The Skeptical Environmentalist", in welchem er mit höchst freihändig gewählten Beispielen die Diagnosen der UN-Kommission für Klimawandel (IPCC) zu zerlegen versuchte.

In dieser Beziehung scheint Lomborg einsichtiger geworden zu sein: in seiner Attacke gegen Al Gore beruft er sich sogar auf die Aussagen des IPCC. Während also nun am menschengemachten Klimawandel doch was dran zu sein scheint, bleibt es eine Frage der Prioritäten, ob man dagegen auch etwas unternimmt. Und hier hat Lomborg andere als Al Gore: Man möge sich lieber doch jener globalen Herauforderungen annehmen, "die wir problemlos lösen können", wie Lomborg meint: der Vermeidung von HIV und Malaria, der Unterernährung und des Mangels an Trinkwasser in weiten Teilen der Welt. Hoch anrechnen mag man ihm, dass er sich dieser Sorgen annehmen will. Allein: Stimmen die Voraussetzungen?

Lässt sich Hunger, Trinkwassermangel und die Ausbreitung alter und neuer Krankheiten erfolgreich bekämpfen, wenn gleichzeitig das weltweite Klimasystem, auf dessen gewohntem Funktionieren die Nahrungsproduktion, die Trinkwasserversorgung und die Ausbreitung bzw. Nichtausbreitung bestimmter Krankheitskeime beruhen, aufs Spiel gesetzt wird? Das Schlüsselproblem der menschengemachten raschen Zunahme von Treibhausgasen in der Atmosphäre besteht ja nicht darin, dass es - wie Lomborg suggeriert - auf der ganzen Erde eben ein bisschen wärmer wird, sondern darin, dass damit in die Stabilität klimatischer Gleichgewichte und Rhythmen eingegriffen wird - mit letztlich doch ziemlich unabsehbaren Folgen. Ich verstehe, dass sich Klimaforscher zumeist sehr vorsichtig ausdrücken, wenn sie von der Zukunft reden:

Das globale Klima ist ein so komplexes System, dass kleine Unterschiede riesige Wirkungen haben können. So zum Beispiel deuten die meisten Prognosen für den europäischen Raum in Richtung Erwärmung - wenn jedoch die Golfstrom-Zirkulation zusammenbricht (was nicht sehr wahrscheinlich, aber doch soweit möglich ist, dass eine offizielle US-Studie des Pentagon dies jüngst als Sicherheitsszenario thematisierte), würde es in England und Skandinavien bitterkalt. Die Stabilität dieses komplexen Systems noch einigermaßen zu erhalten, ist das IPCC-Ziel, und in Anlehnung daran auch des Films von Al Gore.

Die menschliche Nahrungsproduktion und Wasserversorgung, um bei Lomborgs Anliegen zu bleiben, hat sich - oft über Jahrtausende - den jeweiligen klimatischen Bedingungen angepasst. Sie könnte sich schrittweise, mit nicht unerheblichen Kosten, wohl auch anderen klimatischen Bedingungen anpassen. So, wie wir derzeit auf die Erdatmosphäre dauernd durch zusätzliche Emissionen einwirken, ist jedoch die Entstehung eines neuen klimatischen Gleichgewichts überhaupt nicht zu erwarten, sondern vielmehr zunehmende Turbulenzen. Wenn nun, als mögliches Beispiel einer solchen Turbulenz, in Indien und Südostasien zwei Jahre der Monsun ausbleibt, sind wir weit davon entfernt, das Problem der Ernährung dieser Milliarde Menschen "mit Leichtigkeit", wie Lomborg sagt, zu lösen. Wir werden schon gröbere Schwierigkeiten dabei haben, die Wasserversorgung in den - vergleichsweise durchaus reichen und weniger dicht besiedelten - Ländern des Mittelmeerraums auf einem tragbaren Niveau zu halten!

Darum ist es unser aller Verantwortung, alles Erdenkliche dazu zu tun, die Destabilisierung des Weltklimas in Grenzen zu halten, unter anderem durch Befolgung des Kioto-Protokolls und durch geeignete Nachfolgeregelungen bei dessen Auslaufen 2012. Dabei dürfen wir uns durch Lobbyisten wie Lomborg nicht in die Irre führen lassen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.2.2007)

Marina Fischer-Kowalski ist Leiterin des Instituts für Soziale Ökologie in Wien und Professorin an der Uni Klagenfurt, zugleich Beiratsvorsitzende des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung.
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