Geistesblitz: Attraktivität im Antlitz

6. Februar 2007, 19:20
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Katrin Schäfer vermisst mit Spezialsoftware Gesichter - "Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht"

Auf Katrin Schäfers Bildschirm wächst ein Affenschädel von den klassischen Kindchenproportionen zum entschlossenen Erwachsenen mit ausgeprägtem Unterkiefer und dicken Augenwülsten heran: "Es geht mir um die Ursachen und Konsequenzen in der Variation der menschlichen Gesichtsform, den Zusammenhang zwischen biologischem Substrat und Wahrnehmung", kommentiert sie das flott morphende Modell. Dazu vergleicht die Anthropologin an der Uni Wien die Biologie des Menschen mit seinen nächsten Verwandten. Die Methode ihrer Wahl heißt "geometric morphometrics".

Ein Oberflächenscanner am Department kann Gesichter dreidimensional unverzerrt vermessen, statistisch erfassen sowie visualisieren. Während der Projektor ein Gitternetz auf das abzubildende Objekt legt, das dem Computer bei der Berechnung hilft, nimmt die Kamera in wenigen Sekunden ein Bild auf.

Besonders nützlich ist das für Versuchspersonen, denn Fossilien sind ja von Natur aus geduldig: "Früher mussten wir Winkel und Distanzen am Schädel vermessen", ächzt die Bremerin, die im digitalen Zeitalter für mehr Vernetzung plädiert, was einmal erfasstes Ausgangsmaterial angeht. "Erst wenn wir die Muster biologischer Prozesse wie Wachstum, Asymmetrie, Alter, Verwandtschaft und so fort kennen, können wir evolutionspsychologisch relevante Faktoren wie Präferenz, Ähnlichkeit, Femininität, Dominanz oder Attraktivität isolieren und verstehen", so die Forscherin.

Was hat es nun mit dem Gesicht auf sich? Gorillaweibchen haben bei der Partnerwahl eigentlich keine Wahl. Dem Harem steht nur ein potenzieller Stammhalter, der viel größer ist, vor. Das männliche Gorillagesicht unterscheidet sich nur durch stärkeres Knochenwachstum von dem weiblicher Tiere. Bei Schimpansen und Bonobos ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichener. Weibchen suchen sich unter den nur wenig größeren Männchen mit verschiedenen Gesichtern, den bevorzugten Vater aus. "Inwiefern hat ein Homo-sapiens-Mann kein Frauengesicht, das einfach weitergewachsen ist", formuliert Katrin Schäfer eine ihrer Forschungsfragen.

Nach dem Abitur arbeitete die 1967 Geborene neun Monate in einer Favela in São Paulo. Diese Erfahrung hilft ihr heute bei Ausgrabungen etwa in Äthiopien, wo Forscher "nicht mehr so kolonial auftreten wie früher, die Artefakte am Fundort verbleiben müssen und parallel Entwicklungszusammenarbeit geleistet wird". Aus dem ursprünglich geplanten Erstsemester Biologie in Wien wurde 2004 eine Habilitation. Neben "leidenschaftlicher Lehre" ist Katrin Schäfer in zahlreiche Forschungsprojekte aus Humanbiologie und Verhaltensforschung eingebunden. Anfang Februar bricht sie wieder nach Gibraltar zur letzten freien Berberaffenkolonie in Europa auf.

"Für Frauen ist es stärker eine Lebensentscheidung, ob sie in die Wissenschaft gehen", konstatiert Katrin Schäfer, geschieden und kinderlos, trocken. Im EU-Projekt EVAN hat sie mit zwei Kolleginnen ein Gender Board gegründet, das sich konkret um die Frauenquote kümmert. "Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht", freut sie sich. Wenn sie nicht vor dem Bildschirm sitzt, "was aber etwa 90 Prozent der Arbeit ausmacht", forscht sie im Feld. Neben Papers, Journalen und Proposals, die sie in der Handtasche vom Schreibtisch nach Hause und zurück transportiert, läse sie gerne mehr Bücher - wenn sie dazu käme. Ansonsten trifft sie in ihrer Freizeit am liebsten Freunde, hört Jazz oder macht Sport an der frischen Luft. (Astrid Kuffner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.2.2007)

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    foto: privat
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