Betriebe auf älter werdende Mitarbeiter nicht vorbereitet

19. Februar 2007, 13:19
182 Postings

Die Mehrheit der Belegschaften wird bald von Personen über 45 gestellt. Weitere Qualifikation ist ein Schlüssel, um den Anforderungen gewachsen zu bleiben

Wien – Zwar ist es inzwischen eine Binsenweisheit, dass in Europa im allgemeinen und Österreich im besonderen die Zahl der älteren Personen zunimmt, also auch die Zahl der älteren Arbeitnehmer. Aber die Mahnung, sich darauf einzustellen, scheint eher zu den politischen und unternehmerischen Lippenbekenntnissen zu gehören, "ältere Arbeitnehmer kommen in Unternehmensstrategien nicht vor", resümiert der Politikwissenschafter Emmerich Tàlos, federführend für eine groß angelegte Studie unter 700 heimischen Unternehmen im Auftrag des Zukunfsforum Österreich. Alle wissen es, aber wissen weder, welche Initiativen es bereits gibt, noch haben sie Strategien für das eigene Unternehmen (siehe Grafik).

"Alle Prognosen deuten auf die Überalterung der Gesellschaft hin", rechnet Tàlos vor, in der EU würde der Anteil der mehr als 60-Jährigen um 50 Prozent wachsen, während der Anteil der Jüngeren sinkt. Mit der Verschiebung der Altersgruppen sinkt auch die Beschäftigungsquote, "das hat in Form von Wohlstandsverlusten beträchtliche Auswirkungen auf die Gesellschaft", warnt Tàlos.

Schlusslicht

In dieser Entwicklung sei Österreich eines der ausgewiesenen Schlusslichter: Die Beschäftigungsquote der Menschen zwischen 55 und 65 Lebensjahre liegt jüngsten Daten zufolge bei 28,7 Prozent. Dabei habe sich die EU in ihrer "Lissabon"-Strategie das Ziel gesetzt, die Erwerbsquote in dieser Altersgruppe von EU-weit durchschnittlich 50 auf 70 Prozent zu erhöhen, statt dessen sank in Österreich "im letzten Jahrzehnt die Erwerbsquote der Älteren", sagt Tàlos. "Die Bedingungen in den Betrieben ermöglichen keinen Anstieg der Älteren", die Firmen setzen weiterhin auf Jüngere. Zu den Problemen zählt der steigende Termin- und Leistungsdruck, "die geforderte Flexibilität geht so leicht nicht", die Folge: unfreiwilliger Vorruhestand.

Zur Lösung der "Herausforderung für die Betriebe" sieht die Studie eine Reihe von Notwendigkeiten:

  • Weiterbildung: Ab 40 würden Mitarbeiter oft nicht mehr in Ausbildungsplänen berücksichtigt, ein sicheres Rezept für die Arbeitslosigkeit ab 50. Gerade neue Technologien erfordern, dass auch ältere Menschen an Weiterbildung teilnehmen, "Ausstieg ist keine Option mehr".

  • Betriebliche Gesundheitsförderung um mit dem höheren Leistungs- und Termindruck heutiger Arbeitssituationen besser zurechtzukommen.

  • Kostenstruktur anpassen: "Über die Abflachung der Gehaltskurve wird viel geredet, aber wenig getan", kritisiert Tàlos, und die Senkung der Lohnnebenkosten "ist mehr ein verbales Bekenntnis".

    Schon für 2030 wird die Mehrheit der Belegschaften in den heimischen Betrieben durchschnittlich über 45 Jahre alt sein. Aber nur wenige Betriebe hätten bisher gezielte Konzepte entwickelt, um ihre älteren Arbeitnehmer zu behalten statt sich von ihnen zu trennen. So hat Adeg zwei Seniorenmärkte eingerichtet, die nicht nur auf Bedürfnisse älterer Kunden Rücksicht nehmen, sondern auch nur Mitarbeiter über 50 beschäftigen. Andere Betriebe, wie Agro Linz und BMW Steyr, aber die wöchentliche Schichtarbeitszeit von 37 auf 34 gesenkt, um älteren Mitarbeitern entgegen zu kommen.

    Die Betriebe ihrerseits hätten Lösungen gerne von der Politik: An vorderste Stelle steht der Wunsch nach politischen Regelungen für die Beschäftigung von mehr als 50-Jährigen, gefolgt von Teilzeitbeschäftigung und Streichung der Lohnnebenkosten. (spu, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.2.2007)

    • Bild nicht mehr verfügbar

      Nur wenigen älteren Arbeitnehmern ist der Luxus gegeben, sich technologischen Fortschritt "zu ersparen", wie Bestsellerautorin Rosamunde Pilcher, die bei der Schreibmaschine blieb. Aber oft bekommen auch die Willigen im fortgeschrittenen Alter keine Chance zur weiteren Qualifikation.

    • Artikelbild
      grafik: standard
    Share if you care.