Atomare Schwejkiaden oder Temelín für Kinder

18. Juli 2000, 18:21

Hätte die Sache nicht einen immerhin mortalen Aspekt, könnte man sich köstlich amüsieren. In bester Schwejk-Tradition und über Jahrzehnte wurde nämlich programmatisch auf das hingearbeitet, was sich heute komplex als mangelnde Sensibilität der tschechischen Bevölkerung für die Problematik der Atomenergie darstellt. Ich habe in der ehemaligen CSSR 1974 promoviert und dort auch noch "Tschernobyl" erlebt.

Die skurrile "Volkserziehung" erfolgte in einigen Etappen. Seit den Fünfzigerjahren gab es im Schulunterricht Zivilschutz als einen eigenständigen Gegenstand. Einmal pro Woche wurde den Sieben- bis Achtjährigen von feindlichen Fallschirmspringern erzählt, die unsere Trinkwasserbrunnen vergiften, unsere schönen Häuser in Brand setzen und unser Volk dezimieren würden.

Gut und böse

Zehnjährigen traute man schon eine präzisere Horrorschilderung in Form von propagandistischen Jugendfilmen zu. In verdunkelten Klassenzimmern surrten vorsintflutliche Filmprojektoren; da flimmerten zerbombte Städte mit herumliegenden Leichen über die Leinwand, da wurde mit - damaligen - filmischen Tricks die Explosion einer H-Bombe simuliert. Ein anderes Mal wuchs ein Atompilz über Nagasaki. Nein, böse waren nur die Fremden. Schrecklich böse. Kinder hatten nichts dagegen einzuwenden. Sie bekamen ja sozusagen die kommunistische Version der Disney-Filme, der Cowboy- und Indianerspiele.

Eine weitere Ration wurde verabreicht, als wir ausrangierte Gasmasken aus Heeresbeständen bekamen. Jeder Schüler musste dieses mittlerweile schon poröse graugrüne Gummiding anprobieren und seine individuelle Größe in eine Liste eintragen. Genauso regelmäßig, in etwa zwei bis drei Jahresabständen, wurde das Schulleben durch Sirenengeheul auf den Kopf gestellt. Wir spielten Verletzte nach einem Bombenangriff, und bandagierten fiktiv zerfetzte Arme und Beine.

Einmal durfte ich miterleben, wie sich ein ganzes Dorf mit seinen dreieinhalbtausend Einwohnern an solch einem Ereignis beteiligte. In einer dreistündigen "action" rasten alle Autos, die man damals hatte, samt zwei Krankenwagen hin und her, wirkliches medizinisches Personal spielte mit, sogar ein halbverfallenes Haus wurde gesprengt. Natürlich geschah das alles mit angelegten Gasmasken. Am Rande drängten sich Zuschauer wie bei einer opulenten Theaterinszenierung. Für das Städtchen ein unvergessliches Spektakel. Wo lag denn die Grenze zwischen Indianerspielen und vernünftigem Zivilschutz?

Mit 16 dann genossen wir, Mädchen wie Buben, einige Unterrichtsstunden im Schießen. Die Krönung der diesbezüglichen Ausbildung war allerdings die Unterweisung in der "Kunst", eine Atomexplosion zu überleben. Die Instruktionen waren verblüffend einfach: im gegebenen Fall Fenster zumachen, sich mit einem nassen Leintuch umwickeln, an die Außenmauer stellen und warten.

Kämmen und klopfen

Und "danach"? Die mit Radioaktivität verseuchte Gegend ausschließlich mit speziellen Gummischuhen, einer Schutzmaske und Handschuhen betreten. Nach jedem Aufenthalt draußen wäre eine sorgfältige Reinigung durchzuführen: immer vom Kopf zum Fuß hin. Nicht umgekehrt! Noch ein Jahr vor dem Abitur erfuhren wir, dass man den radioaktiven Staub aus den Haaren mit einem kleinen Kamm entfernt, von den Schultern wiederum mit einem Besen runterklopft usw. Bis man eben "die Radioaktivität gänzlich los ist".

War es denn so verwunderlich, als meine Kollegen in einer Preßburger Redaktion - übrigens mehrfache Mütter und Väter - drei Monate nach der Tschernobyl-Katastrophe zuversichtlich verkündeten, sie würden jeden Salatkopf jetzt noch gründlicher abwaschen? Und mit gekochtem Gemüse gebe es sowieso keine Probleme?

Zurück zur heutigen Problematik. Und zu Fragen. Hatten die neuen Regierungen und die eher auf die wirtschaftliche Umwandlung konzentrierten Medien seit 1990 schon eine seriöse Informationskampagne durchgeführt? Hatte damals irgendeine kompetente Gruppe (soweit überhaupt vorhanden) Interesse an sachlicher Aufklärung? Konnte also überhaupt ein Umdenkprozess ansetzen? Immerhin neigte die ganze mittlere Generation in den ehemaligen Ostblockstaaten dazu, die Atomenergie erstens in bestens eingeübter Manier in "unsere", das heißt "gute", und westliche, also verdammenswerte, einzuteilen und zweitens - Radioaktivität mit Bakterien zu verwechseln.

Der fromme Glaube an all diesen (und vielen anderen) Unsinn, der den Leuten eingetrichtert wurde, ist mittlerweile erschüttert oder der Ernüchterung gewichen. Ist es überraschend, dass man sich als Reaktion darauf eine Zeit lang einmal auch mit keiner noch so gut gemeinten Lobby solidarisieren möchte?

Ana Schirlbauer, Autorin und Ö1-Redakteurin, in Tschechien aufgewachsen, lebt seit zehn Jahren in Wien.

Warum sich in Tschechien die Solidarisierung mit den Protestaktionen österreichischer AKW-Gegner in Grenzen hält: autobiografische Randnotizen zur Debatte um die Inbetriebnahme des umstrittenen Atomreaktors im nahen Osten. Von Ana Schirlbauer. Foto: Prudlo
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