"Fackel" online: Interesse an Karl Kraus übertrifft Erwartungen

14. Februar 2007, 10:46
posten

"Wir wollen falschen Interpretationen entgegenwirken" - Als Zufallsprojekt entstanden

Das Interesse an der Online-Version der von 1899 bis 1936 in Wien erschienen "Die Fackel" hat die Erwartungen der Betreiber, das Austrian Academy Corpus (AAC), übertroffen. Innerhalb eines Monats haben sich über 14.000 User für die seit 1. 1. 2007 kostenfrei zugängliche Online-"Fackel" registriert. "Wir sind überrascht, wie schnell die Zahl der Nutzer angestiegen ist, zumal wir das gar nicht beworben haben", sagt Evelyn Breiteneder, Leiterin des AAC, einer Einheit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), im Gespräch mit pressetext. Auch das Profil der Nutzer ist überraschend. "Die Benutzer sind breit gestreut und beschränken sich nicht allein auf Akademiker", so Breiteneder weiter.

Relativ

Für eine Website sind 14.000 registrierte Nutzer im ersten Monat eine relative Zahl, aber für die "Fackel" ist diese Zahl überraschend. Das erste deutschsprachige Videoportal MyVideo hatte zum Vergleich im ersten Monat 8.000 registrierte Benutzer zu verzeichnen. Ob Kraus und sein in der Literatur und Wissenschaft vernachlässigtes Werk durch die Verfügbarkeit der Fackel im Internet bekannter werden, konnte Breiteneder nicht einschätzen. Abgesehen davon tue sich das offizielle Österreich bis heute schwer mit dem scharfen Kritiker Kraus. Ihr Anliegen sei vor allem Missinterpretationen und falschen Zitaten, denen Kraus des Öfteren zum Opfer fällt, vorzubeugen. "Die Online-Version ermöglicht es schnell und einfach Textstellen zu überprüfen", betont Breiteneder.

Online

In erster Linie ist die "Fackel" online ein Zufallsprodukt, das im Rahmen der Hauptaufgabe des AAC entstand, nämlich die erste umfangreiche Sammlung von elektronischen Texten zur Sprache und Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts zu erstellen. "Der Zeitraum zwischen 1848 und zirka 1950 ist sprachlich nicht gut dokumentiert. Karl Kraus spielt dabei eine bedeutende Rolle, da er aus zahlreichen zeitgenössischen Zeitungen zitiert", erklärt Breiteneder. So hätten sich etwa die Herausgeber des Dudens wegen des Begriffes Kriegsverbrecher an das AAC gewendet. "Die Durden-Herausgeber waren der Auffassung, dass der Begriff erst nach 1950 entstand. Karl Kraus hat diesen Begriff allerdings schon vorher in der Fackel verwendet, wie wir festgestellt haben", erzählt Breiteneder.

Digitalisierung

Die Digitalisierung der "Fackel" erfolgte bereits zwischen 1991 und 1993, allerdings nur für den Offline-Betrieb. Am 1. 1. 2007 erlosch der Urheberschutz und das Kraus'sche Gesamtwerk, das neben der Fackel zahlreiche Theaterstücke, Glossen und Aufsätze umfasst, ist seitdem gemeinfrei. Die Kosten für das Online-Projekt seien laut Breiteneder schwer zu beziffern. Das Online-Angebot zur Fackel soll noch in diesem Jahr mit weiteren Zusatzdiensten erweitert werden. Geplant seien ein Register für die Zeitschriftendatenbank sowie eine kommentierte Namensdatenbank zu Fackel. "Der Zuspruch zeigt uns, dass es sich lohnt hier noch weiter zu investieren", betont Breiteneder. (pte)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.