Unstillbare Bedürfnisse: Internationales Filmfestival von Göteborg

11. Februar 2007, 20:13
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Das Festival ist das größte seiner Art in Skandinavien: Im Mittelpunkt der 30. Ausgabe stand das prekäre Verhältnis der Generationen

Göteborg - Während sich renommierte Filmfestivals durch rote Teppiche oder hoch dotierte Preise die Aufmerksamkeit von Publikum und Presse sichern, haben es mittelgroße Veranstaltungen besonders schwer: zu groß, um sich mit Spezialisierung auf einzelne Sparten zufrieden zu geben, zu klein, um sich wirklichen Glamour leisten zu können.

Eingequetscht zwischen der Berlinale und Rotterdam, bedeutet das etwa für das Internationale Filmfestival von Göteborg, sich in erster Linie auf seine Kernkompetenz zu konzentrieren: Das größte Filmfest Skandinaviens legt seinen Fokus seit Jahren erfolgreich auf den nordischen Film, gilt diesbezüglich als größter Umschlagplatz für die Branche und versammelt so gut wie alle neuen Produktionen aus Schweden, Finnland, Dänemark, Norwegen und Island.

Die geografische Etikettierung ist dabei Chance und Fluch zugleich: Wo der Zusammenhalt gegenüber der Konkurrenz auf dem Weltmarkt stark macht, ist die Abgrenzung innerhalb der skandinavischen Länder mitunter in den Filmen selbst umso stärker spürbar: Die gerade in Produktion befindliche teuerste schwedische Filmproduktion aller Zeiten, die mit knapp 30 Millionen Dollar budgetierte Rittersaga Arn nach der Vorlage von Jan Guillou, behandelt denn auch die Befreiung des Landes von den dänischen Eroberern - inszeniert vom Dänen Peter Flinth.

Dieses ambivalente Verhältnis macht sich sogar im Kinder- und Jugendfilm bemerkbar, ein Genre, in dem Schweden traditionell eine Vorreiterrolle einnimmt: In That Special Summer von Nanna Houlman verleugnet etwa ein 12-jähriges Mädchen seine finnische Herkunft, während seine zurückgezogen lebende Mutter auch nach Jahren der Landessprache nicht mächtig ist - bis ein Sommerurlaub in Finnland schließlich für beide zur Initiationsreise gerät.

Eltern und Kinder

In einer einfach strukturierten Erzählung wird hier mit klaren Bildern die Rolle einer "unsichtbaren" Minderheit ebenso thematisiert wie das gerade im familienfreundlichen Skandinavien zunehmend prekäre Verhältnis zwischen den Generationen - ein Thema, das sich auf unterschiedliche Weise in zahlreichen aktuellen Produktionen wiederfindet.

Man kann dabei ein Szenario ausmalen wie der Däne Anders Rønnow Klarlund in seinem kruden Satiredrama How to get rid of the others, der in naher Zukunft in einem dänischen Überwachungsstaat ein düsteres Ende für all jene malt, die das Sozialsystem mehr kosten als sie in dieses einzahlen. Als Argument gegen ihre Hinrichtung können sie nur auf ihre Kinder als Dienst an der Gemeinschaft verweisen.

Man kann sich dem Verhältnis der Generationen und dem Kampf mit dem modernen Sozialsystem jedoch auch auf radikal ästhetische Weise nähern, wie der isländische Regisseur Ragnar Bragason in seinem jüngsten Film Parents, der mit seinem bereits mehrfach ausgezeichneten Pendant Children nunmehr ein einzigartiges Diptychon bildet: Auch Children erzählt von einer allein erziehenden Mutter, diesmal in Reykjavik, die mit dem Vater ihrer drei Töchter um das Sorgerecht kämpft, während sie die Bedürfnisse ihres Sohnes aus erster Ehe zunehmend aus den Augen verliert.

Parents wiederum schildert die Beziehungen zwischen einem Geschäftsmann, dessen Ehe zerbricht, einem Zahnarzt, der sich neben seinen Adoptivkindern nichts sehnlicher wünscht als ein eigenes Kind, und einer jungen Mutter, die nach mehrjährigem Aufenthalt in Schweden ihren Sohn von der eigenen Mutter zurückfordert.

Beide Filme, die auch unabhängig voneinander ihre ganze Kraft entwickeln, entwerfen ein grimmiges Gesellschaftspanorama und erinnern mitunter an Arbeiten von John Cassavetes ebenso wie an frühe Werke von Kieslowski. Von seiner Methodik hält sich Bragason jedoch am ehesten an Mike Leigh: Ohne Drehbuch waren alle Schauspieler angehalten, ihre Rolle selbst zu entwickeln.

In scharf konturiertem Schwarzweiß, das die Gesichter der Figuren besonders anfällig für ihre seelischen Verwundungen werden lässt, stellt Bragason deren Beziehungen zueinander in Verbindung, ohne die Episoden forciert miteinander zu verknüpfen.

Mit diesen Filmen liefert das isländische Kino nach dem Erfolg von Nói Albinói erneut einen Beweis seiner Vitalität, und wie Dagur Kári legt auch Bragason eine Studie innerer Bewegungslosigkeit vor. Reykjavik jedenfalls ist kein Fucking Åmål, aus dem man fliehen könnte. (Michael Pekler aus Göteborg / DER STANDARD, Printausgabe, 06.02.2007)

  • Kühler Teil eines Diptychons aus dem hohen Norden: "Parents" von Ragnar Bragnason.
    foto: festival

    Kühler Teil eines Diptychons aus dem hohen Norden: "Parents" von Ragnar Bragnason.

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