Sich in Noten auflösen

6. Februar 2007, 15:22
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Wolfgang Puschnig, einer der international erfolgreichsten Jazzmusiker Österreichs, im STANDARD- Gespräch über traurige Lieder und seltsame Begegnungen

Zu seinem 50. Geburtstag hat Puschnig eine CD-Box veröffentlicht, die seine Sonderstellung als Konzeptualist und Ausnahmeimprovisator untermauert.


Wien – Der Mann ist fünfzig, also für Jazzer in einem kritischen Alter. Nicht von der Gesundheit her gesehen. Nein, fünfzig, da ist man im Jazz kein "junger Löwe" mehr, allerdings auch nicht einer jener Senioren, deren musikalische und sonstige Aussagen ob der gesammelten Menge an Jahresringen in den Rang notierungswürdiger Weisheiten gehoben werden. Man ist irgendwie dazwischen. Und kein Rollenklischee hilft.

Wolfgang Puschnig ist das ziemlich egal. An das Rollenkonstrukt glaubt er nicht. Und: Als improvisierender Musiker sei man ohnedies irgendwie immer in einer heiklen existenziellen Situation, so Puschnig. "Der Job ist nicht sehr beziehungsfördernd und auch nicht der gesündeste. Das sollte man früh wissen, wenn man sich auf ihn einlässt." Wie auch immer. Puschnig ist nach Joe Zawinul der international anerkannteste heimische Jazzmusiker; auch Carla Bley ladet ihn gerne ein, als Teil ihrer Big Band zu fungieren. Und: Gerade ist eine üppige CD-Box erschienen, die Puschnigs Vielseitigkeit vermittelt. Von ihm selbst ist Eitles oder Markiges allerdings nicht herauszukitzeln. So wie er spielt, mittlerweile sparsam, klar, ohne Notenschnörkel, so spricht der Kärntner irgendwie auch. "Ich habe mir nicht eingebildet, dass ich ein Künstler bin. Bin aus der Provinz gekommen, alles war neu." Natürlich, eine eigene instrumentale "Stimme" hat er sich schon zugetraut.

"Eine Zeit lang war ich von Eric Dolphy beeinflusst, auch von John Coltrane. Und natürlich habe ich Charlie-Parker-Soli runtergeschrieben, wie man das halt so macht. All das wollte ich für mein Spiel jedoch nicht als Rückendeckung. Ich dachte letztlich: Lieber etwas schlechtes Eigenes, Hauptsache authentisch."

Paradox: "Als ich so dreißig war, habe ich technisch sicher besser gespielt als jetzt, in Summe virtuoser, weil das in der Natur des Instrumentes liegt. Aber es gab mir doch zu denken: Da hört man einen Sänger oder Blues-Leute, die geben gerade einmal fünf Töne von sich und alle liegen flach." Da geht es um Verknappung, Essenz des Ausdrucks. Man bemüht sich, allerdings: "Der Wahnsinn ist, dass man den besonderen Musizieraugenblick nicht bewusst herbeiführen kann. Kontrollieren nützt nichts. Sobald du eingreifst, ist alles weg. Mit der Zeit lernt man, sich der Situation hinzugeben. Die besten Momente waren da, wenn ich als Ausübender quasi nicht mehr vorhanden war." Puschnig, das ist allerdings nicht nur der große Rhetoriker der Improvisation; es ist auch der große Kreator von musikalischen Rahmenbedingungen. Auch dies macht ihn zu einem der wesentlichsten europäischen Jazzer – das Gründungsmitglied des Vienna Art Orchestra ist schlicht unberechenbar. Hatte man sich daran gewöhnt, dass er mit koreanischen Trommlern kooperiert, kam er plötzlich mit einer Fusion von Austroblasmusik, Funk und Blues daher (Alpine Aspects).

Wenn jetzt auf der CD-Box Things Change (Universal) plötzlich Kärntner Volkslieder in Bearbeitungen aufscheinen, wundert man sich natürlich nicht mehr so heftig. Man lacht höchstens, wenn sich Puschnig daran erinnert, wie er seinen Großvater einst gefragt hat, warum er nur traurige Lieder singe und dieser geantwortet hat: "Die lustigen merke ich mir nicht." Irgendwie gelte das auch für ihn, meint Puschnig.

Nicht zu vergessen ist auch das Erlebnis mit der Jazzklavierinstanz Paul Bley in Saalfelden, bei der vom Veranstalter herbeigeführten Begegnung. "Vier Tage vor dem Konzert hat er sich im Hotel einquartiert, wir trafen einander, aßen zusammen, er erzählte Geschichten. Ich dachte, ich schau mir das an. Und dann habe ich schon gemerkt, dass er sich wundert, dass ich nicht frage, ob wir proben sollen."

Letztlich stand man auf der Bühne. Ohne Proben. "Die Frage war nun, wer von uns würde die erste Note spielen? Er begann dann, und nach der ersten Nummer kam er zu mir und sagte: ,Du spielst ja fantastisch! Ich wusste das gar nicht!‘ Wenn ich zehn Jahre jünger gewesen wäre, hätte ich Panik gehabt vor so einer Begegnung. Erfahrung macht es leichter, gelassen zu bleiben. Ob es funktioniert oder nicht, man vertraut, dass es nie ganz schlecht sein kann." (Ljubiša Tošic/ DER STANDARD, Printausgabe, 06.02.2007)

  • Wolfgang Puschnig: "Die besten Momente waren da, wenn ich als Ausübender nicht mehr vorhanden war."
    foto: standard/corn

    Wolfgang Puschnig: "Die besten Momente waren da, wenn ich als Ausübender nicht mehr vorhanden war."

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