"Beide Seiten werden sich als Hauptziel ansehen"

14. Februar 2007, 17:48
3 Postings

Nicht viel Optimismus kann der Irak-Experte Peter Heine im STANDARD-Interview für die neue Bagdad-Offensive aufbringen

Standard: Glauben Sie, dass der neue Bagdad-Plan greift?

Heine: Aus dem, was ich darüber weiß, schließe ich, dass sich nicht viel ändern wird. Je nachdem, gegen wen die Sicherheitskräfte vorgehen werden, werden sich die beiden Seiten, Sunniten und Schiiten, als Hauptziel ansehen. Und selbst wenn die Offensive in Bagdad etwas mehr Sicherheit schaffen sollte, wird es danach wieder woanders losgehen. Das zentrale Problem ist, dass die Loyalitäten der irakischen Sicherheitskräfte nicht dem Staat und der Regierung gelten, sondern in viel größerem Maße ihren Stämmen oder ihren Konfessionen. Für diese Situation haben wir eben nicht genügend US-Truppen. Die Cobra-II-Pläne, die Donald Rumsfeld damals zurückgewiesen hat, sahen 450.000 vor.

Standard: Sehen Sie politische Lösungsansätze?

Heine: Mir ist aufgefallen, dass schiitische Abgeordnete und Sprecher sagen, dass "die Araber" - damit meinen sie die Syrer, Jordanier und andere - aus dem Irak vertrieben werden müssen. Die Sunniten sagen das gleiche über "die Iraner". Das heißt, auch die Repräsentanten der politischen Gruppierungen haben sich voll auf die konfessionelle Ebene begeben - beziehungsweise sagen auch nach, was von den Amerikanern, oder den Arabern und Iranern, gesagt wird. Das ist sehr beunruhigend: Es wird nicht einmal mehr so getan, als ob "die Politik" daran interessiert sei, eine Form von Versöhnung zu entwickeln.

Standard:Vielleicht erst in einer Postkonflikt-Situation?

Heine: Ja, für Versöhnungskonferenzen ist, so hart das klingt, die Lage noch nicht schlimm genug. Das wird erst kommen, wenn das Sterben aufgehört hat. Eine Lösung ist nur langfristig - das kann auch eine Generation dauern - vorstellbar.

Standard: Zunehmend wird das Teilungsszenario diskutiert. Die Schiiten sind jedoch selbst schwer gespalten.

Heine: Wenn der US-Druck auf sie nachlässt, wird der interne Konflikt erst so richtig ausbrechen. Bei den Schiiten sind traditionell Strukturen vorhanden, die Spannungen begünstigen: Ayatollahs hatten auch früher schon ihre Milizen, die aufeinander losgingen. Es könnte aber sein, dass die Stammesscheichs, die seit der Sanktionszeit an Einfluss gewonnen haben, das hinbekommen, das sind ja geschickte Politiker.

Peter Heine (geb. 1944) ist Professor für Islamwissenschaften an der Humboldt-Universität in Berlin. Heine kennt Bagdad seit seiner Studienzeit und ist einer der führenden deutschen Irak-Experten. Er hat zahlreiche Bücher über die islamische Welt veröffentlicht, unter anderem "Schauplatz Irak" (2002). Soeben erschienen ist eine Neuauflage des "Islamlexikon" (mit Khoury und Hagemann, Herder-Verlag).
  • Islamwissenschaftler Heine: "Und selbst wenn die Offensive in Bagdad etwas mehr Sicherheit schaffen sollte, wird es danach wieder woanders losgehen."
    foto: standard

    Islamwissenschaftler Heine: "Und selbst wenn die Offensive in Bagdad etwas mehr Sicherheit schaffen sollte, wird es danach wieder woanders losgehen."

Share if you care.