"Wir müssen neu denken"

5. Februar 2007, 18:28
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Sozialwissenschafter Nico Stehr hält UN-Bericht für "skandalös", eine "Vorsorge" sei dringend nötig, also der Schutz des Menschen vor dem Klima

Wien - Die moderne Klimaforschung hat, was viele nicht wissen, in Wien ihren Ausgang genommen. Ihr Pionier war der aus Deutschland stammende Geograf Eduard Brückner. Der Spezialist für Alpengletscher stellte noch vor dem Ersten Weltkrieg als erster Wissenschafter überhaupt die These auf, dass es zu langfristigen Veränderungen des Klimas käme und der Mensch daran schuld sei.

Wiederentdeckt wurde Brückner vom renommierten Soziologen und Ökonomen Nico Stehr, der gemeinsam mit dem deutschen Klimaforscher Hans von Storch die Texte Brückners vor ein paar Jahren wieder veröffentlichte. Nun, knapp hundert Jahre später, ist Brückners These vom UN-Klimagremium IPCC mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bestätigt worden. Und die neuen Daten der über 500 Klimaforscher weltweit, die daran mitarbeiteten, behaupten für die nächsten Jahrzehnte Schlimmes: unter anderem einen Temperaturanstieg von bis zu 6,3 Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts

Einseitiger Bericht

Nico Stehr, der seit vielen Jahren gemeinsam mit Klimatologen forscht und publiziert, hält den IPCC-Bericht im Standard-Interview dennoch für skandalös. Nicht deshalb, weil die Daten falsch wären. Sonders deshalb, weil im Dokument, das sich explizit an die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft wendet, wieder nur vom Klimaschutz die Rede sei - wie im übrigen auch im Bericht, den der Wirtschaftswissenschafter Nicholas Stern kürzlich für die britische Regierung erstellt hat.

"Man hat hier wie dort wieder einmal vor allem darüber diskutiert, warum man das Klima vor dem Menschen schützen soll und wie man zu einer Reduktion von Treibhausgasen kommt." Das sei zwar auch wichtig, habe sich bislang jedoch - Stichwort Kioto-Protokoll - als eine erfolglose Geschichte leerer Absichtserklärungen erwiesen, die für einen mittelfristigen Stopp der Erderwärmung in jedem Fall zu spät kommen.

Stehr, Professor für Kulturwissenschaften an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen und zur Zeit für ein Forschungsfreisemester in Wien, plädiert dagegen für einen diametral entgegen gesetzten Ansatz: "Die eigentlichen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen des globalen Klimawandels aus mittelfristiger Sicht sind weder Mäßigungsstrategien noch eine weitere Verstärkung des Alarms. Ein umfassenderes Verständnis von Klimawandel muss den Klimaschutz auch als Schutz der Gesellschaft vor dem Klima begreifen."

Die Strategien dafür heißen Anpassung und Vorsorge, sind wenig spektakulär, dafür leichter umsetzbar - und von der Forschung bislang sträflich vernachlässigt worden. Anpassung zum Beispiel in Form von vorsorgenden Baumaßnahmen: "Verändert man zum Beispiel die Bauvorschriften im Süden Floridas, kann man die Schäden extremer Wetterereignisse, die dort in Zukunft zu befürchten sind, um vierzig Prozent senken."

Es gehe aber nicht nur darum, die Küstendeiche zu erhöhen, meint Stehr, sondern um ein Bündel von vorsorgenden Maßnahmen im Gesundheitswesen, der Wasserversorgung oder dem Management der Ökosysteme der Küsten, um uns auf die Klimaveränderungen vorzubereiten. Kurzum: "Wir müssen neu denken - nämlich an das Machbare. Und das ist Vorsorge." (Klaus Taschwer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.2.2007)

  • Der Soziologe Nico Stehr kritisiert den IPCC-Bericht scharf und plädiert stattdessen für mehr Schutz der Gesellschaft vor dem Klima.
    foto: standard/h. corn

    Der Soziologe Nico Stehr kritisiert den IPCC-Bericht scharf und plädiert stattdessen für mehr Schutz der Gesellschaft vor dem Klima.

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