"Wühlmaus der Nation" bleibt ein Vorbild

5. März 2007, 13:39
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Herz und Mut waren zwei seiner hervor­ra­genden Charakteristika - Neugier und Arbeitseifer zwei weitere - Ein Nachruf von Chefredakteur Gerfried Sperl

In der Geschichte der Zweiten Republik wird Alfred Worm als der wichtigste Enthüllungs- und Aufdeckungsjournalist des Landes einen unverrückbaren Platz haben. In der Nacht auf Montag hat sein Herz aufgehört zu schlagen. Herz und Mut waren zwei seiner hervorragenden Charakteristika. Neugier und Arbeitseifer zwei weitere. Die "Wühlmaus der Nation" (Copyright "profil") bleibt ein Vorbild.

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Wien - Alfred Worm war ein Spätberufener und fachlich etwas Seltenes im Journalismus. Der am 14. Juni 1945 im niederösterreichischen Gmünd zur Welt gekommene Worm absolvierte die HTL Mödling und wurde Tiefbauingenieur. Die meisten Journalisten sind AHS-Absolventen, die ein Publizistik-, Jus-, Geschichte-, oder allenfalls Wirtschaftsstudium angefangen (und seltener abgeschlossen) haben.

Der fachliche Hintergrund war, wie er selbst oft sagte, ein wichtiger Punkt bei der Aufdeckung des AKH-Skandals im Jahre 1980. Bevor Worm 1974 zum profil ging, hatte er mehrere Jahre als Bauleiter gearbeitet und sich erhebliches Insider-Wissen angeeignet.

Aufdeckungsjournalismus hatte es zuvor, hauptsächlich im profil, auch schon gegeben. Den Fall des Wiener Bürgermeisters Felix Slavik zum Beispiel. Aber kein Journalist vor Worm hielt so viel Druck aus, recherchierte derart präzise (manchmal durchaus umstritten, weil Worm bei Gesprächen mit dem Hauptangeklagten Adolf Winter in der Tasche ein Tonbandgerät versteckt hatte). Im September 1981 folgte der bis dahin größte Prozess der Nachkriegsgeschichte. Allein Winter hatte 30 Millionen Schilling Schmiergelder bei der Vergabe von Großaufträgen kassiert und wurde zu neun Jahren Haft verurteilt.

Ministerrücktritt

Enthüllungsjournalismus gab es mit und ohne Worm auch später: die "Noricum"-Affäre beispielsweise rund um verbotene Waffenlieferungen in den Iran. Sie endete mit dem Rücktritt zweier Minister und wurde erstmals 1985 im Fellner-Magazin "Basta" publiziert. Dass heute "Enthüllungsjournalisten" mit Preisen bedacht werden, weil sie verdeckte Gutachten veröffentlichen, ist fallende Qualität.

Alfred Worms Pionierphase endete 1983, als er bei "profil" Vertriebsleiter wurde, weil er als einer von Erhard Buseks "bunten Vögeln" in den Wiener Gemeinderat wechselte.

Das Experiment scheiterte, weil Worm das Faktische der Parteipolitik unterschätzt hatte, vor allem der wienerischen. Enttäuscht kehrte er 1988 in den Journalismus zurück, von da an aber nicht nur an der Aufdeckung des Bösen interessiert, sondern immer heftiger an den innenpolitischen Paradethemen.

Obwohl Worm von seinen jeweiligen politischen Gegnern in ideologische Kisten gesteckt wurde, blieb er, was er als Journalist von Anfang an war - ein offener Konservativer. Allerdings einer, der in Österreich nicht Mainstream ist. Konservativ und antifaschistisch, konservativ und skeptisch gegenüber Macht, konservativ und kirchenkritisch. Ein Wanderer (in seinem Fall: ein Radfahrer) zwischen den Welten.

Vatikan und Hofburg

Weil ihn Neues faszinierte, wechselte er 1994 zum neu gegründeten News und haderte von da an auch mit der Magazin-Konzentration. Und mit dem Fellner-Stil. Man wusste angesichts der Titelflut in den News-Gefilden nie genau, was Worm gerade war. Zum Schluss jedenfalls Herausgeber, der trotzdem wöchentlich seine scharfen Kommentare schrieb. Immer seltener freilich Geschichten, für die er berühmt wurde. Er musste seiner angegriffenen Gesundheit Tribut zollen und sich widerwillig schonen.

Der Vatikan und die Hofburg wurden immer stärker seine beliebtesten journalistischen Felder. Die Berichterstattung über die österreichische Hierarchie teilte er sich mit einem anderen, ebenfalls zum Professor ernannten News-Kollegen.

Sein Parkett schlechthin war die andere Seite des Ballhausplatzes während der Regentschaft von Thomas Klestil. Worm wandelte sich zum Chefchronisten des Bundespräsidenten, litt mit, reiste mit, fotografierte und dokumentierte. Interviews mit Klestil in dessen Spätphase erschienen fast nur noch in News. Es war nicht immer klar, von wem die Antworten auf Worm-Fragen stammten: vom Fragenden oder vom Befragten.

Nach dem Tod seines Freundes an der Spitze der Republik konzentrierte er sich auf die Kritik an den schwarz-blauen und schwarz-orangen Regierungen, um zuletzt die jüngste Konstellation aufs Korn zu nehmen. Vor allem die opportunistische Toleranz gegenüber der radikalen Rechten und die Eurofighter-Farce. Eine Story hat Worm kurz auch international bekannt gemacht. Das Foto mit dem Natascha-Kampusch-Cover ging um die Welt. Für die Texte mit ihr wurde er von Journalisten zum "Journalisten des Jahres 2006" gewählt.

Da gerieten seine Artikel über den Bawag-Skandal irgendwie in den Hintergrund. Aber er wusste um die Ungerechtigkeiten in dieser Welt. Zu Ex-Bawag-Chef Elsner gefragt, sagte Worm kürzlich: "Im Vergleich zu mir ist der pumperlgesund." (Gerfried Sperl/DER STANDARD; Printausgabe, 6.2.2007)

  • Der Fotograf - ob in der Hofburg, bei Präsidentenreisen oder im Kreis der Kollegen: Immer war die Kamera dabei.
    foto: standard/corn

    Der Fotograf - ob in der Hofburg, bei Präsidentenreisen oder im Kreis der Kollegen: Immer war die Kamera dabei.

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    Dieses Bild ging um die Welt: Worm mit dem Natascha-Kampusch-Cover

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