Moskaus Liste, Londons Verdacht

21. März 2007, 13:16
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Fall Litwinenko: Russen wollen in England 100 Zeugen vernehmen

Die besten Köpfe von Scotland Yards Anti-Terror-Abteilung brüten derzeit über dem russischen Amtshilfeverfahren im Mordfall Alexander Litwinenko. Gut zwei Monate nach dem Tod des 43-jährigen russischen Exagenten und Putin-Kritikers durch Vergiftung mit dem radioaktiven Isotop Polonium-210 glauben die britischen Ermittler den Täter zu kennen. Die Kronanwaltschaft prüft derzeit, ob die Beweise für eine Anklage ausreichen. Laut BBC wird der Geschäftsmann und frühere Agentenkollege des Opfers, Andrej Lugowoj, als Tatverdächtiger identifiziert. Dieser beteuerte im BBC-Interview seine Unschuld: „Ich betrachte mich als Opfer. Ich selbst, meine Freunde und Familie wurden in Großbritannien angegriffen.“

Gift im Tee

Lugowoj hatte sich am 1. November im Beisein zweier anderer russischer Staatsbürger mit Litwinenko in der Bar des noblen Millennium-Hotels getroffen. Dort dürfte Litwinenko die hochgiftige Substanz verabreicht worden sein, wahrscheinlich aufgelöst in einer Tasse Tee. Lugowoj wies Spuren einer Polonium-Kontaminierung auf und verbrachte einige Zeit in einer Moskauer Klinik.

Lugowoj gelassen

Beim kürzlich ausgestrahlten BBC-Interview machte der Geschäftsmann einen gesunden und gelassenen Eindruck. Kein Wunder: Die russische Verfassung verbietet die Auslieferung eines russischen Staatsbürgers. Indessen will eine Ermittlungsgruppe „schon bald“ nach London reisen, so Russlands Generalstaatsanwalt Juri Tschaika, und dort zwischen 90 und 100 Zeugen vernehmen, unter ihnen Litwinenkos Witwe ebenso wie viele seiner Freunde aus dem Dissidentenumfeld. Die Prominentesten: Ex-Oligarch Boris Beresowski und Achmed Sakajew, Vizepräsident der tschetschenischen Exilregierung. Beide genießen Asyl in Großbritannien. Bei den Briten herrscht hingegen der Verdacht, das Moskauer Verfahren diene ausschließlich einem Zweck: die Kritiker Putins zu diskreditieren. Dem Vernehmen nach hat das Londoner Innenministerium die Akte bereits zweimal nach Moskau zurückgeschickt. Umgekehrt hat Scotland Yard bisher keine Visa für einen zweiten Besuch in Moskau erhalten.(Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 06.02.2007)

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