Grüne starten Homepage, auf der jeder den rot-schwarzen Regierungspakt erweitern oder umschreiben kann
Mitverhandeln durften sie nicht, aber Anregungen fürs Nachverhandeln wollen sie geben: Die Grünen Die Grünen starten eine Homepage für die „Internetgeneration“ (© Schüssel), auf der jeder den rot-schwarzen Regierungspakt erweitern oder umschreiben kann.
****Wien – Vielleicht kann die Homepage www.neuverhandeln.at auch ein Ventil für die steigende Frustrationen roter Genossen sein. „Ich habe in den letzten Tagen im Wiener Rathaus niemanden getroffen, der mit vollem Herzen hinter diesem Koalitionsprogramm steht“, erzählt die Wiener Grün-Chefin Maria Vassilakou, „ab sofort kann jeder von ihnen auf unserer Seite einfach dazuschreiben, was ihn stört und Vorschläge machen, wie es besser werden könnte.“ Nachsatz: „Ich sehe schon vor mir, wie sich Wiens Bürgermeister Michael Häupl heimlich einloggt.“
Dass er es wirklich macht, ist unwahrscheinlich. Anonym bleiben könnte er dabei jedenfalls. Denn die von den Wiener Grünen ins Leben gerufene Internet-Plattform funktioniert nach dem Wikipedia-Prinzip (siehe Wissen).
Die Grundidee ist simpel: Jeder, der einen Internetzugang hat, kann sich ab sofort einloggen und das Regierungsprogramm kommentieren, umschreiben – und somit virtuell, zumindest aus grüner Sicht, „verbessern“.
Selbstregulation
Ganz wie das Vorbild Wikipedia, auf dessen frei zugänglicher Software die grüne Seite auch basiert, ist der Prozess transparent: Änderungen lassen sich nachvollziehen und können in eigenen Foren diskutiert werden.
Anders als bei der Online-Welt-Enzyklopädie, die eigene Administratoren quasi als „Wissens-Sheriffs“ einsetzt, haben die Grünen vorerst aber nicht vor, inhaltlich einzugreifen. „Rassistische, sexistische und andere politisch nicht korrekte Texte werden entfernt. Wir haben aber nicht vor, die Seiten zu redigieren“, meint Vassilakou. Mit Kampfpostern aus anderen Parteien wird gerechnet. „Aber da _glauben wir an die Kraft der Selbstregulation“, meint die grüne Gemeinderätin Marie Ringler, die die Idee für den Koalitionspakt-Elchtest im Netz hatte.
Dreißig Tage will die Oppositionspartei das rot-schwarze Koalitionsübereinkommen der Kritik der Internet-Community überlassen, danach soll erste Bilanz gezogen werden. Als Vergleich ist das rot-schwarze Original in einer „Read only“-Version abrufbar. „Wir wollten ganz einfach die Alltagspraktiken der Internetgeneration in die Politik transferieren“, sagt Ringler.
Anders als bei traditionellen Kampagnen geht die Umsetzung vergleichsweise rasch: Drei Tage dauerte es, bis Ringler und ihr Gemeinderatskollegen Marco Schreuder die Plattform installiert hatten.
Die eigentliche Arbeit damit haben vorerst ohnehin die User. Eine der ersten Zusatz-Einträge kam im Kapitel „Bildung und Wissenschaft“: „Die Studiengebühren sind einer Steigerung der Akademikerquote und einer Erhöhung der Bildung in der Bevölkerung nicht zuträglich und werden mit sofortiger Wirkung abgeschafft.“
Es wird nicht die erste Aktion von Ringler sein. Im Hauptberuf Kultursprecherin, ist sie seit einigen Wochen bei den Wiener Grünen zuständig für „Innovation“ – sprich für jenen Bereich, den man bei den zuletzt öffentlich nahezu abgetauchten Grünen vergeblich suchte.
(Barbara Tóth/ DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2007)