Hilfe im Schlaf

12. Juli 2007, 16:32
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Die schonende Bauch­felldialyse könnte das Leben von mehr als 500 nierenkranken Patienten in Österreich erleichtern - Sie ist obendrein billiger und hat sich bestens bewährt

Dreimal pro Woche, jeweils bis zu fünf Stunden. Das ist der Abdruck, den die lebensnotwendige Behandlung auf dem Kalender von Hämodialysepatienten hinterlässt. Diese Zeit müssen sie in einem Dialysezentrum verbringen, um das erledigen zu lassen, was ihre Organe nicht mehr schaffen: das Blut von Schadstoffen befreien. Das Verfahren ist für die Patienten langwierig und anstrengend; noch dazu kommt es teuer, weil viele der österreichweit 3100 Patienten nur mit dem Krankentransport ins Dialysezentrum anreisen können.

Alternative Methode

Es gibt jedoch eine elegantere Methode, die Bauchfelldialyse, die den Alltag der Patienten weniger beeinträchtigt und Studien zufolge für ausgewählte Patienten auch bessere Resultate bringt. In den Niederlanden werden bereits 27 Prozent aller Dialysepatienten auf diese Weise behandelt, in Dänemark mehr als 24 Prozent. In Österreich wird gerade einmal bei 7,8 Prozent aller Dialysepatienten das Blut auf diese Weise gefiltert. "Es wäre sicher sinnvoll, auch in Österreich zumindest 20 Prozent der Patienten auf diese Weise zu betreuen", sagt Andreas Vychytil, Dialysearzt am Wiener AKH.

Funktion ersetzen

Beide Verfahren nutzen ein und dasselbe physikalische Prinzip. Bei der heute in Österreich so verbreiteten Methode der Hämodialyse wird Blut aus dem Kreislauf des Patienten in eine künstliche Niere gepumpt. Dort befindet sich eine dünne Membran, die zwar für das Blut undurchlässig ist, kleine Schadstoffmoleküle aber passieren lässt. Auf der anderen Seite der Membran befindet sich eine Dialyseflüssigkeit. Das Prinzip der Diffusion sorgt nun für folgenden Effekt: Die gelösten Schadstoffe wandern aus dem Blut durch die Membran in die Dialyse-Flüssigkeit. Die wird laufend erneuert, sodass ihre "Anziehungskraft" für die Schadstoffe erhalten bleibt. Nach seiner Reinigung strömt das Blut zurück in den Kreislauf des Patienten.

Ein Vorteil der Hämodialyse liegt darin, dass sofort mit der Behandlung begonnen werden kann. Das ist vor allem dann notwendig, wenn eine Nierenschwäche erst spät diagnostiziert wurde und das Blut des Patienten bereits stark verunreinigt ist.

Bauchfelldialyse

Die Alternative dazu heißt Bauchfelldialyse. Dabei legen Chirurgen einen weichen Plastikschlauch durch die Bauchdecke in das Bauchfell des Patienten. Das kleidet fast die gesamte Bauchhöhle aus und umhüllt große Teile des Darms. Zwei bis drei Liter Dialyseflüssigkeit werden durch den Schlauch eingeleitet und bleiben in der Bauchhöhle - und nun wird das Bauchfell gleichsam als künstliche Niere verwendet. Die Diffusion findet durch die Kapillargefäße im Gewebe statt: Schadstoffe wandern aus dem Blut in die Dialyseflüssigkeit, so lange bis sie gesättigt ist und durch den Schlauch wieder ausgeleitet wird.

Heimvorteil

Der größte Vorteil für die Patienten: Sie können sie - nach ausführlicher Einschulung - selbst zu Hause durchführen und müssen nur noch alle vier bis fünf Wochen zur Kontrolle ins Dialysezentrum. Und: Die verbliebene Funktion der Niere wird besser aufrecht- erhalten als bei der Hämodialyse.

"In den vergangenen 15 Jahren ist die Bauchfelldialyse kontinuierlich verbessert worden", sagt Andreas Vychytil, der im Wiener AKH bereits 100 Patienten auf diese Weise betreut. Chirurgen können den Schlauch schonender und zuverlässiger fixieren; neue Geräte tauschen das Dialysat automatisch aus. Das kann sogar in der Nacht passieren, während der Patient schläft.

Aufholbedarf

Im Vorjahr hielt ein Consensus Statement der drei heimischen Universitätskliniken fest, dass bei vergleichsweise kurzer Behandlungsdauer, etwa weil der Patient demnächst eine Spenderniere bekommt, die Bauchfelldialyse der Hämodialyse überlegen ist.

Warum also werden nur so wenige Österreicher mit der Methode behandelt? Wo doch viele Dialysezentren heillos überlastet sind und deshalb ihre Patienten bis lange nach Mitternacht behandeln müssen? Vielerorts fehlen personelle und räumliche Ressourcen (siehe unten), und oft werden Patienten zu spät überwiesen, sodass keine Zeit bleibt, den Patienten vor Behandlungsbeginn über alle Verfahren ausreichend zu informieren. "Viele Mediziner haben die Bauchfelldialyse in ihrer Ausbildung einfach zu wenig kennen gelernt", vermutet Vychytil. Was schade sei, denn: "Es gibt nur in wenigen Fällen medizinische Gründe, die dagegensprechen." (DER STANDARD, Printausgabe, Gottfried Derka, 5.2.2007)

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