Echo der Alpen

6. Februar 2007, 19:31
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Wenn bald auch Liftstützen jodeln und singen, ist es endgültig Zeit mit dem Skifahren komplett aufzuhören

Es wird nicht sein. Außer die Kollegen im Kurier haben Mist gebaut. Aber das glaube ich nicht. Leider. Und deshalb kann ich davon ausgehen, dass Bad Kleinkirchheim von der Liste der für mich in Frage kommenden Ski-Urlaubsorte gestrichen ist.

Nicht, dass ich gerade jetzt geplant hätte, nach Bad Kleinkirchheim zu fahren. Ich war dort noch nie. Ich war auch nicht knapp dran, übers Hinfahren nachzudenken. Obwohl es gut sein kann, dass dort irgendwo im Gelände ein Hang ist, auf dem ganz groß mein Name steht. Aber sogar dann, wenn die Berge dort noch schöner als sonstwo wären und Hotelerie und Gastronomie zu Zauberkunststücken fähig sein sollten, die ich noch nie gesehen habe: Bad Kleinkirchheim ist für mich gestorben. Punkt.

Pandoras Surround-Box

Und zwar wegen der Musik. Denn wenn das, was ich am Sonntag im kurier gelesen habe stimmt, hat bad Kleinkirchheim das Tor zum allumfassenden alpinen Beschallungsterrors ein Stückerl weiter aufgestoßen. Und ist jenen Schritt gegangen, von dem ich gehofft habe, dass er nicht gesetzt werden würde. Weil doch schon das zwanghafte Beschallen sämtlicher Skihütten – und zwar innen wie außen – an sich mittlerweile Grund genug für mich ist, mir zweimal zu überlegen, wohin ich Skifahren fahre.

Natürlich könnte ich jetzt sagen, dass das daran liegt, womit beschallt wird. Aber dass ich DJ Ötzi und die ab 1400 Meter Seehöhe scheinbar verpflichtend zu spielenden angeblich stets „fidelen“ Bontempi-Hochdeutschälpler mit Brachialaufreisser-Hüttengaudilyrics für einen plausiblen Grund halte, die jeder Taliban oder sonst wie fundamentalistisch motivierte Anti-West-Extremist unwidersprochen anführen darf, wenn er erklärt, wieso die westliche Kultur es nicht verdient, zu überleben, ist mein Privatgeschmack. Nur: Wie kommen Menschen, die meine Lieblingsmusik ebenso grauenhaft finden, wie ich den Ötzismus dazu, beim Essen unverschämt überteuerter Germknödel auch noch mit den 25 meistgespielten Tracks meines iPods gefoltert zu werden?

Schraube des Schreckens

Geschenkt. Denn hier soll es diesmal ja nicht um die Verminerdung von Leid, sondern um dessen Steigerung gehen: In Bad Kleinkirchheim, stand im Sonntagskurier im Reiseteil, geht man nämlich nun noch einen, den entscheidenden, Schritt weiter: Die Lifte werden beschallt. Mit Kindermusik auf den Übungshängen und mit sonst allem (Austropop, Schlager, Volksmusik ) überall sonst: man könne sich seine Pisten und Lifte in Hinkunft also nach musikalischen Vorlieben aussuchen, stand da. Ob das ein Witz der Zeitungskollegen war oder eine von Alpin-Touristikern vermutlich für „genial“ gehaltene Volte, will ich gar nicht wissen – ich werde es auch nie ergründen: Diese Zeilen lesen und Bad Kleinkirchheim von der Liste der für mich in Frage kommenden Skiorte zu streichen, war nämlich eins.

Nur wird mir das auf Dauer nichts nutzen. Weil öffentliche Beschalllung ähnlich wie das Programmieren und Entwickeln von TV-Formaten funktioniert: Die Schraube dreht sich immer und unweigerlich weiter, tiefer und schneller in Richtung „noch schlimmer“. Weil jeder glaubt, dass die anderen, also die, die jedes Stückerl bevölkerten Schnee mit Hörsturz-Dulliöh beglücken, ja wohl wissen, was sie tun. Und vermutlich ganz geheime Markttests und Studien haben. Also macht man es ihnen nach – ganz ganz schnell. Und weil heute alle Hütten bewummert sind, glaubt niemand mehr, dass die Menschen da nur mangels Alternativen hingehen, sondern redet sich ein, dass das genau wegen der Musik sei. Und dreht noch ein bissi lauter.

Metastasierender Schallterror

Wenn der Sessellift in Kärnten dann bald Fendrich-Hits oder Ballermann-Brutalitäten grölt – und die Gäste trotzdem nicht abreisen oder vom Lift in den Tod springen (und das vorher schriftlich der Beschallung zuschreiben), ist es nur eine Frage der Zeit, bis die übrigen österreichischen Alpengemeinden den „Trend“ entdecken. Und bald jede Liftstütze behauptet, ein Bett im Kornfeld zu sein. Bestenfalls.

„Die Leute wollen das so“, erzählte mir vor etwa vier Jahren der Tourismusdirektor einer echt wichtigen Salzburger Skiregion. Wir, ein Rudel deutscher und österreichischer Journalisten, waren zum Saisonhöhepunkt eingeladen und wurden mittags auf einer sonnigen Hüttenterrasse fein bewirtet. Die Anlage wummerte das Lied von den zehn nackten Friseurassistentinnen mit rasiertem Genitalbereich. Neben uns aß eine Kindergruppe zu Mittag.

Ob das wirklich sein müsse, wagte ich zu fragen – und bekam, mit einem „Du hast echt keine Ahnung von der Welt“-Blick obige Antwort. Aber zwei deutsche und ein österreichischer Kollege standen auf - und fragten ausnahmslos jeden auf der Terrasse und in dem Lokal. Und siehe da: Da war niemand – tatsächlich niemand -, der Wert auf die Mittagsdisco gelegt hätte. Im Gegenteil: „nervig“, „unerträglich“, „störend“ und „grauenhaft“ war der Kanon der Kommentare der Gäste aus aller Herren Länder und in jeder Altersgruppe. Einzig eine handvoll schon zu Mittag besoffen an der Bar hängender Deutscher und Holländer fanden das „geil, macht doch echt Stimmung“.

Der Tourismusdirektor war baff: „Interessant. Ich habe echt geglaubt, dass die Wirte das machen, weil die Gäste es fordern.“ Dann bat er den Hüttenwirt die Musik abzudrehen: Plötzlich hörte man den Wind und ein paar Vögel. Und die Berge, meinte eine Journalistin aus einem großen Hamburger Verlagshaus neben mir, „sehen plötzlich richtig majestätisch aus und nicht wie eine Kitsch-Kulisse. Das ist ja total schön hier.“ Dem Tourismusdirektor huschte ein keckes Lächeln über sein Gesicht: „Eine Skihütte ohne Musik – das könnte man als Marktnische positionieren!“ Ich hätte fast zu weinen begonnen. Schon damals.

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