Neues aus Absurdistan: Ambitioniertes Projekt der Grazer Oper und der Kunstuni

4. Februar 2007, 19:18
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Im "Next Liberty" wurden vier Opern, geschrieben von Studenten, zu einem Musiktheaterabend fusioniert

Graz - Wer je mit den Abläufen einer Musiktheaterproduktion in Berührung gekommen ist, weiß um deren Aufwand, kann das Probenausmaß und die damit verbundenen Kosten erahnen. Neue Werke haben es im Räderwerk eines Opernhauses nochmals schwerer - etwa zählte man in der langen Holender-Ära an der Staatsoper nur zwei Uraufführungstermine.

Umso bemerkenswerter ist ein von der Grazer Oper in Angriff genommenes Projekt (Zusammenarbeit mit der Kunstuniversität), das drei noch studierenden oder vor kürzerer Zeit absolviert habenden Komponistinnen und einem Komponisten die Gelegenheit gab, ihre Konzepte zu erproben. Zwei miniaturartige Kompositionen und zwei Szenen aus größeren Werken wurden unter ein Setting gestellt, das die Opernbetriebsamkeit zum Thema macht: Wenig originelle Sängerkabalen stehen neben teils originelleren absurden Aktivitäten, wenn die aus altmodischen Aufnahmegeräten abgespulten, durch den Raum gespannten Tonbänder in einer aberwitzigen Apparatur zerschnipselt und gesammelt werden.

Daneben sieht man auch "Proben" der vier Stücke, wobei sich mit überdimensionierten Ohren ausgestattete Wesen einmal als Helferlein, dann wieder als Störenfriede betätigen (wie die quirlige Tänzerin Isabel Maria Hölzl).

Regienamen nennt das Programmheft keine; die junge Regisseurin wollte das Endprodukt nicht mehr mit dem ihren verbunden wissen. Dabei hatte Anna Malunat einige ihrer überbordenden Ideen in das Projekt investiert, wohl aber auch für so viel lautstarke Aktivität gesorgt, dass die Komponisten um die Wirkung ihrer zuweilen übertönten Werke fürchteten und Änderungen forderten.

Inwieweit sich dies auf die nun gezeigte Version auswirkte, ließ sich nicht mehr vollständig beurteilen, wohl aber die auf recht hohem Niveau stehenden Kompositionen, bei denen Michael Brandstätter vom Hochsitz aus mit tadellosem Überblick das wackere Grazer Philharmonische Orchester leitete: So zeigte sich Hanna Eimermacher in Schatten mit gekonnt gehandhabten herben Reibungen, fragmentierten Worten und Gesten der Avantgarde verpflichtet, während Siavosh Banihashemi in Forugh (nach Forugh Farrochsad) eine Tendenz zum Dunklen, rhapsodisch Skandierten und zu eng gefassten Tonbewegungen an den Tag legte, aber auch eine Elektronik-Schicht gekonnt integrierte.

Rituell grundiert dann eine Szene aus Yasuko Uedas Kammeroper Myo-E (nach dem Namen eines buddhistischen Mönchs), in der unter meditativ wiederholten, selbstständigen Instrumentalschichten die Sängerin der Bedeutung einzelner, hervorgehobener Worte nachlauscht, ehe sich ein Crescendo mit Langsamkeit dem Höhepunkt entgegenschraubt.

Motiv-Gedränge

Mit Anspielungen auf die griechische Mythologie ist schließlich das Libretto von Olga Flor versetzt, nach dem Elisabeth Harnik Kugelstein geschrieben hat. In der ausgewählten Szene wurde der psychologisierende Wechsel zwischen Bewusstseinsschichten ebenso deutlich wie die Neigung zu dicht gedrängten Motiven und die Fähigkeit zur differenzierten Gestaltung von Sprachrhythmen.

Während aus dem engagierten jungen Ensemble die sehr gute Jutta Panzenböck herausragte, die in den beiden letztgenannten Stücken die Hauptrolle sang, hatte der Abend nachhaltig daran zu leiden, dass hinsichtlich der Szene mit der Musik generell wenig sensibel umgegangen wurde. Wogegen sich die zuweilen aggressive Verve richtete, blieb hier ebenso unklar wie die Frage, ob das am Ende zur Explosion gebrachte Opernhaus-Modell als Hommage an Pierre Boulez zu verstehen war. (Daniel Ender /DER STANDARD, Printausgabe, 05.02.2007)

Weitere Aufführungen im "Next Liberty" am 6. und 27. Februar, 19.30 Uhr.
  • Das Grazer Projekt "Opernreigen der Zukunft" zeigte Kompositionen junger Tonsetzer und
deren hohes handwerkliches und kreatives Niveau.
    foto: grazer oper/ peter manninger

    Das Grazer Projekt "Opernreigen der Zukunft" zeigte Kompositionen junger Tonsetzer und deren hohes handwerkliches und kreatives Niveau.

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