Tropische Endzeitstimmung

4. Februar 2007, 19:06
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Das asiatische Kino zeugte auch auf dem 36. Filmfestival in Rotterdam von ungebrochener Energie: Jüngste Entdeckung auf der filmischen Landkarte: Malaysia

...Oder: Wie man "neuen Wellen" künstlich etwas nachhelfen kann.


Rotterdam - Wie jedes kulturelle Großereignis sind auch Filmfestivals darum bemüht, ihre Unverwechselbarkeit zu bewahren. In Rotterdam lag der Schwerpunkt schon immer auf den vernachlässigten Regionen des Weltkinos - auf Ländern Südostasiens, Afrikas oder Lateinamerikas, die sich nur vermeintlich im Tiefschlaf befanden -, und alle paar Jahre erlebt ein neues "Filmwunder" hier seine Geburt, um hernach von einem Festival zu nächsten weitergereicht zu werden.

Das ist kein Zufall, sondern verdankt sich vielmehr der Logistik solcher Großfestivals. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit lenken sie selbst. In Rotterdam ist es der mit 1,2 Millionen Euro dotierte Hubert Bals Fund, der Filmemachern aus Entwicklungsländern Starthilfe gewährt - und nebenbei auch niederländischen Produzenten die Möglichkeit gibt, die Arbeiten mitzufinanzieren. Auf dem Festival feiern die Filme dann Premiere und im besten Fall werden sie auch prämiert. Ob diese Strategie neue Strukturen schafft oder nicht vielmehr auch nur eine Form von globalisiertem Unternehmergeist darstellt, darüber müsste man einmal eigens diskutieren.

Schon vor Beginn der 36. Ausgabe des Festivals war dahingehend klar, dass das Land der Stunde Malaysia ist. Gleich fünf Filme im Programm, kaum einer der Regisseure über dreißig, die meisten arbeiten in Kollaborationen - und alle suchen mit kleinen Videoarbeiten, ein "unabhängiges" Kino durchzusetzen. Das eint sie mit dem jüngeren chinesischen Kino, das mit Jia Zhangke (Still Life) bereits große Erfolge verbuchte.

Woo Ming-jins The Elephant and the Sea entwirft beispielsweise ein Panoptikum vereinsamter, mittelloser Figuren an einer Küstenstadt, die von den Auswirkungen des Tsunami mittelbar betroffen ist. Das Meer spült tote Fische an, aber weil die Armut groß ist, werden auch sie verspeist. Von Anfang an verleiht die aus dem Takt geratene tropische Landschaft dem Film die Atmosphäre einer unbestimmten Endzeit.

Glück und Trauer

In langen statischen Einstellungen folgen wir einem Jugendlichen, der sich ein kleines Einkommen sichert, in dem er bei Reifenpannen hilft, die er selbst verschuldet hat. Oder dabei, wie er immer wieder einen Fisch im Aquarium besucht, an dessen Flosse angeblich Glückszahlen zu finden sind. Ein Fischer leistet unterdessen Trauerarbeit am Tod seiner Frau, in dem er wiederholt in ein Bordell geht. - Fragmentarische Episoden wie diese bündelt Woo Ming-jin zu einem Gesellschaftsbild, in dem manche Stellen leer oder unterbelichtet bleiben. Aber gerade das macht den Film ungleich interessanter als solche, die glauben, alles erklären zu können.

Love Conquers All von Tan Chui-mui, der Regisseurin der malaiischen Gruppe, wählt einen geradlinigeren Zugang: Die junge Ah Peng, neu in Kuala Lumpur, wird hartnäckig von einem aufdringlichen Mann namens John umworben. Was als in zurückhaltenden Beobachtungen entworfene Liebesgeschichte beginnt, erfährt eine dramatische Wendung, als John bedroht wird - und schließlich verschwindet.

Der romantische Filmtitel erhält einen sarkastischen Nachgeschmack: Um ihrem Freund zu helfen, wird sich Ah Peng nämlich prostituieren - wobei unklar bleibt, inwiefern nicht genau darin seine Absicht lag. Tan Chui-mui gelingt es, den Fall ihrer Heldin auf unspekulative, fast schon beiläufige Weise zu entwerfen, dennoch bleibt der Film mit seinem engagierten digitalen Realismus hinter der Mehrdeutigkeit von The Elephant and the Sea zurück.

Love Conquers All wurde mit einem Tiger ausgezeichnet - womit die Aufmerksamkeit auf Malaysia abgesichert war -, ein weiterer ging an die Deutsche Pia Marais für Die Unerzogenen - die Geschichte um ein Mädchen, das sich in einem illustren Milieu von Hippies, Dealern und Tagedieben behaupten muss -, dem stärksten Film im Wettbewerb. Der dritte Preis wurde gesplittet an den brasilianischen Beitrag Bog of Beast und die belanglose dänische Mockumentary AFR vergeben.

Abseits von Debüts und Filmwundern beeindruckte schließlich noch Hirokazu Kore-edas Hana, der erste Historienfilm des für seine sozialen Fallstudien (Nobody Knows) bekannten japanischen Meisterregisseurs: Mit ebensolcher inszenatorischer Gelassenheit wie Schnörkellosigkeit erzählt er von einem Samurai mit Ladehemmung.

Eigentlich in der Stadt, um den Tod seines Vaters zu rächen, vertreibt sich Soza (verkörpert vom Popstar Okada Junichi) lieber die Zeit mit Theater und Schulunterricht. Die Zeit der großen Heldentaten ist hier vorbei - Kore-edas Film gleicht einer vergnügten Shakespear'schen Posse, die nichts mehr beweisen muss. Wohl genau deshalb haben Cannes und Venedig den Film davor abgelehnt. (Dominik Kamalzadeh aus Rotterdam /DER STANDARD, Printausgabe, 05.02.2007)

  • Leben wie im Aquarium: "The Elephant and the Sea" von Regisseur Woo Ming-jin.
    foto: festival rotterdam

    Leben wie im Aquarium: "The Elephant and the Sea" von Regisseur Woo Ming-jin.

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