Seine Mission ist die Sexualmedizin

9. Oktober 2007, 14:59
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Irwin Goldstein träumt vom eigenständigen Fach für Sexual­medizin und einer US-Regierung, der Sexual­forschung nicht suspekt ist

Dass ausgiebiges Radfahren die männliche Zeugungsfähigkeit beeinträchtigt, ist ein alter Hut. Einst aufgebracht hat es Irwin Goldstein. Die Geschichte von dem Anwalt, der bei einer Spendensammelaktion 48 Stunden auf dem Drahtesel verbrachte, anschließend einen Monat lang gar nichts fühlte und inzwischen impotent ist, muss er hunderte Male erzählt haben. Dass Antibabypillen zahlreichen Frauen die Libido rauben? Wieder Goldstein. Auch die Erfindung der weiblichen Impotenz geht maßgeblich auf ihn zurück, würden manche sagen.

Sexologen Kongress

In der Sexualmedizin ist er nicht irgendein Meinungsführer. Irwin Goldstein ist der Mann, der den Ton angibt. Zumindest ist das die Rolle, die er ausfüllt. Wenn er, wie kürzlich auf dem Internationalen Sexologenkongress in der Hofburg, eine Sitzung leitet, stellt er die meisten Fragen gleich selbst.

Wenn er die Sitzung nicht leitet, auch. Noch für den schlechtesten Vortrag findet er ein Lob: "So viele wunderbare Papers heute." Immer wieder dankt er den Kollegen: "Exzellent!" Das ist sein Lieblingswort, meistens mit Ausrufezeichen. Sagen Sie, Dr. Goldstein, gibt es irgendeine sexualmedizinische Frage, die Sie nicht verfolgen? "Nein!"

Erster Abschluss Elektrotechnik

Dass der gebürtige Kanadier überhaupt Arzt wurde, lag am Ende des Vietnamkriegs. Der fiel zusammen mit seinem ersten Studienabschluss in Elektrotechnik. Während des Kriegs fanden Ingenieure Jobs, in Friedenszeiten nicht mehr. Goldstein studierte Medizin, die Ingenieursdenke übertrug er auf die Arbeit am Patienten. Das ist kein böser Vorwurf, er selbst sagt das.

Penisimplantate

Sein Doktorvater experimentierte mit Penisimplantaten. Goldstein durfte sich von Beginn seiner medizinischen Karriere an als Pionier fühlen. Er erforschte, warum jede vierte Frau nach einer Geburt die Lust am Sex verliert ("bis heute nicht völlig verstanden"), und untersuchte Frauen, die ständig erregt sind, eine seltene Störung, die durch Medikamente oder starke Durchblutung verursacht wird.

Leidensdruck und Dankbarkeit

Die Herablassung, mit der Spezialisten anderer Fachrichtungen die Sexualmediziner behandelten, focht ihn nicht an. Was zählte, war die Dankbarkeit der Patienten und der Leidensdruck derer, die oft von weit her zu ihm an die Boston University kamen.

Was ist Körper und was Psyche

Viele seien vorher falsch behandelt, psychotherapiert oder nur moralisiert worden, sagt Goldstein: "Früher wurden sexuelle Störungen zu 90 Prozent der Psyche und zu zehn Prozent körperlichen Ursachen zugeschrieben. Heute steht es zehn zu 90." Der Ingenieur in ihm glaubt an die Wirksamkeit von Behandlungen.

Fachbereich Sexualmedizin

Vor zwei Jahren legte er sich mit seiner Unileitung an. Goldstein forderte Umstrukturierungen, einen eigenen Fachbereich für Sexualmedizin. Als der Dekan ablehnte, kehrte er Boston nach mehr als einem Vierteljahrhundert den Rücken. Er verhandle bereits mit den besten Universitäten, diktierte Goldstein damals dem "Boston Globe" und das tut der 56-Jährige noch immer, tingelt im Auftrag der Industrie, macht Ärzte-Fortbildungen, berät Forschungsabteilungen, gibt das "Journal of Sexual Medicine" heraus und hat ein Lehrbuch über sexuelle Störungen der Frau verfasst.

Viagra - Segen und Fluch

"Der Tag, an dem die Sexualmedizin als Fachbereich anerkannt ist, wird kommen", sagt Goldstein kämpferisch. Dann erinnert er an Magnus Hirschfeld, der in den weltoffenen Zwanzigerjahren die gleiche Hoffnung hegte, bis sie mit dem Faschismus starb. Zwanzig Jahre lang habe er erfolgreich Forschungsgelder des National Institute of Health eingeworben. Dann kam Viagra: "Segen und Fluch in einem", wie Goldstein sagt.

Pharma statt Sex

Seit das Erektionsmittel 1998 zugelassen wurde, verwiesen die Behörden nämlich immer öfter an die Pharmafirmen. Seit Antritt des gegenwärtigen US-Präsidenten sei es praktisch ganz aus mit Fördergeld für unabhängige Sexualforschung. Sex passe eben nicht auf die rechte Agenda.
(Stefan Löffler/MEDSTANDARD/05.02.2007)

  • Unbestrittener Meinungsführer auf dem lukrativen medizinischen Wachstumsmarkt: Irwin Goldstein promotet, provoziert und propagiert industrieunabhängige Forschung zu Sexualität.
    foto: medstandard/ andy urban

    Unbestrittener Meinungsführer auf dem lukrativen medizinischen Wachstumsmarkt: Irwin Goldstein promotet, provoziert und propagiert industrieunabhängige Forschung zu Sexualität.

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