Das Haus, das Dichter bauen

11. Februar 2007, 19:35
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Bauten im Buch: Über das Verhältnis von literarischer und architektonischer Fantasie

Die Außenwelt zur "Innenwelt" (Jean Paul) werden zu lassen, das ist, was große Literatur vermag. Diese Innenwelt ist geradezu unvermeidlich von der gestalteten Außenwelt, von Architektur, inspiriert. So hatte Marcel Proust ursprünglich vor, die einzelnen Teile seiner Suche nach der verlorenen Zeit nach den Teilen einer gotischen Kathedrale zu nennen. 1971 entschloss sich dann das Städtchen Illiers, das Pate stand für Prousts Combray, einen neuen Namen anzunehmen und scheint seither auf Landkarten auf als "Illiers-Combray". Stolzer Zusatz: "Le Combray de Marcel Proust." Die Landkarte fiktiver Bauten und Städte reicht von der Gralsburg bis zu Kafkas Schloss, von Atlantis über Hofmannsthals Turm bis zum Wohnkegel in Thomas Bernhards Korrektur. Beschreibungen von Architektur in literarischen Texten evozieren Räume und Bauten. Der Alexanderplatz, die Strudelhofstiege, das Davoser Sanatorium: All das sind präzis geschilderte Orte der Literatur, die sofort ganz konkrete Formen annehmen.

Woher nehmen Dichter ihre architektonischen Ideen? Und welche Bedeutung haben diese in der Dichtung? In einem umfangreichen und üppig illustrierten Band, der zwar denselben Titel trägt wie eine bis März diesen Jahres in der Münchener Pinakothek der Moderne gezeigte Ausstellung, aber weit darüber hinausgeht, wird genau dies kenntnisreich umkreist. Ein Gedanke des deutschen Schriftstellers Arno Schmidt aus dem Jahr 1950 bildet den zentralen Rotationspunkt, um den 140 literarische Meisterwerke und rund 400 Bildbeispiele gruppiert sind. "Stets habe ich bisher", schrieb Schmidt damals an den Rowohlt Verlag, "in allen stories of fiction, mit neugierigem Bedauern vermisst, dass der Dichter einmal seine räumliche Vision dem Leser vorgelegt hätte. Beim Lesen ist es ja stets so, dass der Leser sich die Szenerie in ein kurioses Eigenland verlegt; sollte es nicht von größtem Wert sein, wenn er auch einmal erführe, wie sich der Poet selbst so die Lokalitäten gedacht hat?!"

Und das taten Schriftsteller begeistert, so Tolkien und Zola, Gustave Flaubert oder William Faulkner. Angesichts Faulkners stupenden topografischen Planzeichnungen, mit deren Hilfe er durch das fiktive Yoknapatawpha County im Süden der USA navigierte, gerät man ins Staunen. Ebenso beeindruckend sind die zwanghaft peniblen Geokonstruktionen Arno Schmidts und die Handzeichnungen Vladimir Nabokovs. Dieser, der zwanzig Jahre lang Literatur lehrte, mahnte bei seinen Studenten eine äußerste Genauigkeit des Lesens und des kreativen Schreibens ein. "Wir müssen Dinge sehen und hören", meinte er, "müssen uns bildlich die Räume vorstellen, in denen Gestalten eines Autors leben, ihre Kleidung und die Art, wie sie gehen." Und so rekonstruierte er das Haus Leopold Blooms, den Lageplan des Hauses des Dr. Jekyll und die Wohnung der Samsas, in der sich Gregor verwandelt.

Daraus kann auch folgen, dass Dichtung Architektur wird und man real in der Fantasie des Autors lebt. Die markantesten Beispiele sind die von Wilhelm Hauff imaginierte Burg Lichtenstein, die in den 1840ern, der Beschreibung des Romantikers folgend, auf der Schwäbischen Alb errichtet wurde, das beeindruckende Danteum des italienischen Architekten Giuseppe Terragni, der Dantes Göttliche Komödie architektonisch bezwingend adaptierte, und Peter Zumthors poetische Landschaft, deren Gestaltung er ein Gedicht der Lettin Amanda Aizpurietes zugrunde legte.

Nur merkwürdig, dass zwar eine Sektion Handlungsräumen und Tatorten gewidmet ist, aber gerade der wörtliche Tatort ausgelassen ist. Dabei wäre es nahe liegend gewesen, sich mit Raumüberlegungen zu beschäftigen, die sich auf ein klassisches Sujet des älteren englischen Kriminalromans beziehen: auf den verschlossenen Raum, in dem ein unmöglicher Mord passiert. In Büchern eines John Dickson Carr, The three coffins oder The Mad Hatter Mystery etwa, ist Ermittlung und Auflösung untrennbar verbunden mit Architektur. Und in Philip Kerrs Game Over von 1995 wurde der Hightech-Wolkenkratzer zum Mörder. Da war der Architekt Norman Foster aber arg pikiert, haben doch Kerr gerade dessen Bauten maßgeblich inspiriert. (Alexander Kluy/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 03./04.02.2007)

  • So sieht Brüssel in François Schuiten und Benoît Peeters Buch "Der Archivar" aus.
    foto: pustet

    So sieht Brüssel in François Schuiten und Benoît Peeters Buch "Der Archivar" aus.

  • "Architektur wie sie im Buche steht. Fiktive Bauten und  Städte in der Literatur." Herausgegeben von Winfried  Nerdinger, € 15,10/568 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Anton Pustet Verlag, Salzburg 2006.
    buchcover: pustet

    "Architektur wie sie im Buche steht. Fiktive Bauten und Städte in der Literatur." Herausgegeben von Winfried Nerdinger, € 15,10/568 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Anton Pustet Verlag, Salzburg 2006.

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