Menschen am Nullpunkt

4. Februar 2007, 15:07
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Der Roman "Die Optimisten" lädt zur Entdeckung des Autors Andrew Miller ein: Der britische Autor im STANDARD-Interview über die Banalität des Bösen

STANDARD: Mr. Miller, in Ihrem neuen Buch findet der Fotoreporter Clem Glass nicht mehr den Weg in die "normale" Gesellschaft. Es geht aber auch allgemeiner um Isolierung, um Ausgrenzung, freiwillig oder unfreiwillig, Kloster oder Klinik, Obsessionen, Illegalität: Absicht von Anfang an?

Andrew Miller: Nein, das war weniger bewusst. Man beginnt mit der Beschreibung von jemandem, der aus Ruanda zurückkommt und der eine ganz klare und offensichtliche Last damit hat. Die anderen Sorgen, die anderen Menschen kommen dann ins Bild, und sie führen mich als Autor sozusagen dazu, der Handlung mehr Komplexität zu geben. Das Buch ist ja keine Dissertation, keine Thesis, die ich zu verteidigen hätte.

STANDARD: Wie kamen Sie überhaupt auf Ruanda? Kannten Sie jemanden, der von dort zurückkam, oder war es die Lektüre des Reporters Fergal Keane, dessen Zitat Sie an den Anfang stellen?

Miller: Nein, ich kannte niemanden. Die Lektüre von Keane zeigte mir den Weg in eine Situation, wo jemand nach bestimmten Erlebnissen sein Vertrauen in Menschen verliert. Ich bin daran interessiert, Menschen bei einem Nullpunkt zu sehen und dann zu beobachten, was notwendig ist, damit sie wieder ein Leben beginnen. Mit Clem ist es so, dass er zuerst auf dem Fußboden liegt...

STANDARD: ... eine Woche lang ...

Miller: . . . ja, und auf die Decke starrt. Bei der Odyssee, auf die ich ihn geschickt habe, wollte ich sehen, ob er zu dem Punkt gelangen kann, bei dem er wieder in der Welt steht.

STANDARD: Im Mittelteil wird Ihr Buch richtiggehend langsam, sehr detailliert, als ob die Zeit still stünde.

Miller: Es ist eine Rückkehr in die Kindheit. Es geht darum, dass sich Clem um seine kranke Schwester kümmert, es ist Sommer, es sind Erinnerungen, alles wird langsam. Es hat auch mit langsamer Heilung zu tun. Mir ist aufgefallen, dass Frauen diesen Teil besonders mögen. Meine Lektorin ist eine von ihnen.

STANDARD: Noch etwas zum Rhythmus des Buches: Es wird dann schneller, Clem findet eine Spur des gesuchten Massenmörders, man erwartet einen Höhepunkt - und dann gibt es einen Antiklimax. Es passiert sozusagen nichts, keine wirkliche Konfrontation.

Miller: Zum einen muss man sagen, dass damals (nach 1994) solche Leute tatsächlich in Freiheit lebten, etliche in den USA, und es war schwierig, ihnen etwas nachzuweisen und sie zu verfolgen. Was das Buch anbelangt, war Clem nicht sicher, ob dieser Mann noch derselbe war oder ob die Zeit ihn "weggeschmuggelt" hat. Es geht hier auch um die "Banalität des Bösen", wie Hannah Arendt über Eichmann geschrieben hat. Da war kein Drama, nichts Satanisches.

STANDARD: Sie erleben, wie Ihr Buch, das vor fast drei Jahren in England erschienen ist, nun in deutschsprachigen Ländern aufgenommen wird, Sie waren in München, Hamburg, Berlin, nun Wien. Merken Sie bestimmte Unterschiede?

Miller: Ich habe mit den unterschiedlichsten Medienleuten gesprochen. Was mir aufgefallen ist, ist, dass alle das Buch sehr gründlich gelesen haben und sehr genaue Reaktionen haben. Nicht immer hundertprozentig vom Buch eingenommen, doch man hat das Gefühl, es wird ernsthaft wahrgenommen - was ich in der angelsächsischen Welt nicht immer so erlebe. Da geht es manchmal eher um die Unterhaltung, um das gute große Foto, um den Autor als "personality".

STANDARD: Die Stoffe Ihrer Bücher sind in der fernen Vergangenheit angesiedelt ("Die Gabe des Schmerzes", und "Eine kleine Geschichte, die meist von der Liebe handelt") oder in der jüngsten Gegenwart wie das vorliegende. Sie waren in England angesiedelt, aber auch in Russland oder führten zu Exkursionen nach Kanada und Belgien. Wann und wo wird Ihr nächstes Buches spielen?

Miller: In Japan, um 1940, also bereits für die meisten von uns in der Vergangenheit. Japan hat mich immer interessiert. Und die Zeit knapp vor Pearl Harbour ist für mich eine faszinierende Periode. Ich stecke schon mittendrin. (Interview: Michael Freund)

Rezension: "Spuren im Schnee"

"Spuren im Schnee"
Andrew Millers meditativer Roman über Schuld, das Grauen und R.

Weißt du wirklich, was wir gesehen haben?", wird der Fotoreporter Clem Glass von einem Kollegen gefragt. Ausgerechnet er, der doch das Material zu Hause liegen hat, unzählige Rollen Film, die die Gräuel in der Bürgerkriegsregion von R. dokumentieren. Was dort alles passiert ist: Ist es nicht klar?

Doch Glass (!) weiß es immer weniger. Er sieht nicht nach in seinem Archiv, verfällt nach seiner Rückkehr 1994 auf alle möglichen Ablenkungen, verfällt überhaupt. Den Grund hat Andrew Miller seinem neuen Roman Die Optimisten als Zitat vorangestellt. "Was ich dort an Ungeheuerlichem erlebte", schreibt der BBC-Korrespondent Fergal Keane über seine Erfahrungen, "traf mich völlig unvorbereitet." Dieser Erfahrungshintergrund ist einerseits zeitlich und räumlich konkret - Keane bezieht sich auf Ruanda -, wird aber von Miller nicht lokalisiert. Wichtig ist ihm vielmehr zu beschreiben, wie der Rückkehrer in sein neues altes Leben zurückfindet, und ob das überhaupt geht.

Wie in seinem großen Romanerstling Die Gabe des Schmerzes ist der britische Autor, der früher unter anderem als Kampfsportlehrer gearbeitet hat, an der Spannung zwischen dem Alltag und einer extremen Erfahrung interessiert. Diesmal allerdings bricht die Dualität auf und macht einer komplexeren Situation Platz. Clem Glass bricht von London aus auf, vorgeblich um sich abzulenken. Tatsächlich jedoch gerät er in viele neue Problemzonen, mit denen er umgehen muss. Sein verwitweter Vater hat sich in ein Kloster zurückgezogen. Seine Schwester Clare ist in psychiatrischer Behandlung. Sein Kollege betreut illegale Einwanderer, die in geheimen Kammern eines Bahnhofs vegetieren. Alles Formen der Isolation, wie sie Clare in besseren Tagen als Professorin in dem berühmten Gemälde von Géricault Das Floß der Medusa analysiert hat.

Seine Schwester wird im Laufe des Romans zur eigentlichen Aufgabe für Clem. Mit ihr arbeitet und leidet er, und unmerklich verschieben sich für ihn die Prioritäten. Die seltsame Verwandtschaft betrachtet er durch Millers Augen mit einigem Amüsement. Und die Begegnung mit dem mutmaßlichen Schuldigen am Massaker in R., die zu einem Showdown hätte werden können, endet fast ereignislos. So wird ein Thema, das sich zu einem beliebigen Psychothriller eignet, zur fast meditativen Studie einer Verwandlung. Dabei erzählt Miller präzis und mit einer außergewöhnlichen Bodenhaftung, so als ob er damit sich und dem Leser helfen möchte, nicht selbst in eine Depression angesichts der angedeuteten Ungeheuerlichkeiten zu verfallen.

Es gibt kein klassisches Finale, nur die Vermeidung eines tragischen Endes. Clems Spuren verlieren sich im Schnee. Als literarische Figur - das hat Miller bewirkt - wird er noch lange im Gedächtnis der Leser bleiben. (Michael Freund/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 03./04.02.2007)

Andrew Miller, "Die Optimisten". Deutsch von Nikolaus Stingl. € 22,10/334 Seiten. Zsolnay, Wien 2007.
  • Artikelbild
    foto: standard/ chritian fischer
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