Katastrophenfilm ohne Panikszenen

3. Februar 2007, 18:29
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Linus Volkmann beschreibt in "Anke" Start-up-Breakdowns und die Rückkehr ins Hotel Mama

In der spätestens seit dem Mauerfall in Berlin etwas aus der Mode gekommenen Großen Sowjetenzyklopädie findet sich unter dem Eintrag "Altruismus" ein Erklärungsversuch, der bei genauerer Überlegung trotz aller heute dem sozialistischen Kollektiv entgegengesetzten modischen Weltbilder noch immer einen gewissen Stellenwert besitzt: "Jeder Versuch, Altruismus als eine Möglichkeit zu preisen, eine antagonistische Gesellschaft auf nicht egoistischen Prinzipien umzugestalten, führt unweigerlich zu einer Art von ideologischer Scheinheiligkeit, die letztlich nur Klassengegensätze kaschiert."

Der junge Kölner Autor Linus Volkmann weiß davon spätestens seit seinem fulminanten Romandebüt Super-Lupo - Jeder Freund ist anders und den Folgebänden Smells Like Niederlage und Heimweh To Hell wie kaum ein anderer Bewohner einer von den individuellen Verheißungen der Popkultur und gleichzeitg von an der Realität des wirklichen Lebens festgezurrten Debakeln einer an Ich-AGs zu Grunde gehenden Gesellschaft junger "Hättiwaris" zu berichten. Der Begriff Popliteratur mag zwar längst zum Schimpfwort verkommen sein. Dass der Versuch, eigene Lebensrealitäten literarisch abzubilden und zart zu überhöhen aber dennoch immer ein Thema bleiben muss, weiß man spätestens seit dem Erfolg von ihre Generation und ihr im Defizit begründetes Eigen- erleben flüchtenden Zeitgenossen Volkmanns. Stichwort: Daniel Kehlmann.

So. Linus Volkmann, ansonsten im Brotberuf als Redakteur der Kölner Zeitschrift Intro für CD-Besprechungen zuständig und vom so genannten Prekariat der neuen Zeitrechnung mit einer Fixanstellung der alten Schule nicht nur literarisch schon gehörig auf Abstand, möchte in seinem neuen Roman Anke eigentlich ja auch lieber davon berichten, dass die Welt nicht nur auf Defiziten ihrer Bewohner im Umgang miteinander beruht. Aber Dosenbier. Wie heißt es schon bei Brecht Bert in Die Unsicherheit menschlicher Verhältnisse: "Wir wären gut - anstatt so roh, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so."

Volkmann entwirft in Anke gleich von Beginn weg ein Schreckensszenario, das heute mehr denn je eine ganze Generation von noch nicht ganz so alten Menschen plagt, die es während ihrer Jugendzeit mit einer fundierten Berufsausbildung nicht so genau genommen haben und jetzt nach dem Breakdown ihrer Start-ups vor den Trümmern einer einst bis in die frühen 2000er-Jahre hinein verheißungsvollen Karriere im Bereich Labern und Dampfplaudern mit Gewinn zu tun haben glaubten.

Mit 30 Jahren wird Plattenfirmen-Produktmanager Gärtner im einst verheißungsvollen Bobo-Paradies Berlin ("Das ist die Großstadt. Das ist Blixa Bargeld, FM Einheit, die Zigarettenmafia und Linksverkehr. Das ist Hundekot als Straßenbelag, das ist das Ultimative. Mehr geht nicht. Das ist Mitte oder Kreuzbert, Friedrichsheim und Preslauer Berg. Die Namen kannte man ja schon vom Hören.") wegen zunehmender illegaler Gratis-Downloads von Musik arbeitslos.

Er muss, und das ist ganz schön hart, "vorübergehend" zurück ins Hotel Mama in ein bei Frankfurt gelegenes Kaff ziehen. Dort erwarten ihn nicht nur eine grauenhaft nach blumigem Weichspüler miefende Überdecke im Jugendzimmer, Rauchverbot, fixe Essenszeiten und kleine Zugehdienste für die Mutter. Mit alten Schulfreunden wie dem vor Ort seit dem Abitur abgesoffenen Juli und späten Nächten im Jugendzentrum drohen überhaupt wieder alte pubertäre Zeiten und mehrmals wöchentlich schwerer Sodbrand und dazugehörige Schuldgefühle. Das einst in den frühen 90er-Jahren ultimative Lebensgefühl "ungestüm, moralisch, sexy, greifbar und angesoffen" beschränkt sich streng auf den letzten Teil. Und auch die Telefonanrufe beantwortende Mutter ist nicht gerade hilfreich, wenn Gärtner von zu Hause aus eine neue PR-Agentur aufziehen möchte.

Begleitet vom "Fernweh an einstige Erfolge" und ermüdenden Alkdiskussionen leistet sich Gärtner zwar zunehmend Fehlzeiten im eigenen Alltag. Das unvermutete Zusammentreffen mit seiner alten Jugendliebe Anke, die in Frankfurt bei der "hessischen Vogue" arbeitet, versetzt der ganzen Misere aber noch einen zusätzlichen Drall ins Chaos: "Hey, warum noch mal waren sie damals eigentlich nicht zusammen geblieben? Ach so, er war größenwahnsinnig und liebesunfähig gewesen. Stimmt."

Ein Autor, der den Trash und die Unterhaltung mehr schätzt als die Hochschätzung seitens der guten alten Tante Hochliteratur, ist mit diesem schmalen und schnellen Roman etwas geglückt, das man mittlerweile selbst in diesem Bereich oft vermisst: "We don't need entertainment, we entertain ourselves." (Christian Schachinger/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 03./04.02.2007)

  • Linus Volkmann: "Anke"€ 15,40/205 Seiten. Ventil Verlag, Mainz, 2006.
    buchcover: ventil verlag

    Linus Volkmann:
    "Anke"
    € 15,40/205 Seiten. Ventil Verlag, Mainz, 2006.

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