der taschendieb

13. Jänner 2007, 19:51
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... ich fühlte mich gefoppt... da sieht ein mensch aus wie ein gestandener taschendieb... und ist vielleicht ein klaviervirtuose...

er sah aus wie jener taschendieb, der kurz vor dem

schließen der automatischen türen aus dem zug

sprang und mein geldbörsel mitnahm. genau dieser

kleine, etwas rundliche typ, geschorenes schwarzes

haar (aber keine glatze), goldketterl am hals und an

den handgelenken. wenn man nicht wüsste, wie ein

taschendieb aussieht, er wäre das perfekte modell.

der tänzelnde, athletische gang, das verdächtige

schütteln der handgelenke und schließlich das

nervöse bewegen der finger und das knacken mit

den fingergelenken - lockerungsübungen? richtig! und

das in aller öffentlichkeit. er tänzelte zuerst um mich

herum. ich blieb hellwach, das merkte er wohl.

dann zwischen den gruppen herumstehender. ich

war mir sicher, bald schlägt der ganove zu. aber nichts

geschah. er hielt abstand zu allen: reines, kalkuliertes,

präzises täuschungsmanöver. da erschien eine

hübsche junge frau mit baby. er nahm das

kind und küsste es väterlich. aus dem lauten

gespräch (nebenbei in einem beneidenswerten

hochdeutsch), erfuhr ich, dass er gerade die

diplomprüfung in der musikakademie bestanden

hätte, als pianist. ich fühlte mich gefoppt,

enttäuscht, verärgert, ja ich war wütend.

da sieht ein mensch aus wie ein gestandener

taschendieb, benimmt sich wie ein taschendieb

und ist vielleicht ein klaviervirtuose. wie kann man

einen einfachen, ehrlichen bürger, der ein recht hat

sich auf seine erfahrungen und vorurteile zu

verlassen, so hinters licht führen? gehört sich das?

ein wenig ehrlichkeit könnte man doch von einem

ausländer erwarten. finden sie nicht? (Friedrich Achleitner/ DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.01.2007)

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