"The Wind that Shakes the Barley": Schreckliche Schönheit

2. Februar 2007, 18:12
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Der britische Regisseur Ken Loach im STANDARD-Interview über seinen neuen Film "The Wind that Shakes the Barley", Kino, Realismus und Politik



STANDARD: "The Wind that Shakes the Barley", Ihr Film über den irischen Unabhängigkeitskrieg beginnt mit wunderschönen Landschaftsaufnahmen – dann beginnt das Gemetzel der englischen Truppen. Was bedeutet Ihnen Schönheit?

Ken Loach: Ich glaube, im Film steht sie im Zusammenhang mit dem Licht. Objekte können neutral sein, weder schön noch hässlich, aber wenn das Licht schön ist, kann beinahe alles auch schön sein. Es gibt einen berühmten Ausspruch eines irischen Dichters, ich glaube W. B. Yates, der über den irischen Freiheitskampf spricht und dabei sagt, im Jahre 1916 sei eine schreckliche Schönheit geboren worden. Das war der Aufstand, der dem in meinem Film gezeigten Bürgerkrieg vorausgeht. Die schreckliche Schönheit liegt in den Opfern und dem Schmerz, den die Iren auf sich nahmen, um sich von Großbritannien abzusetzen. Es gibt eine Ironie zwischen der Landschaft, die im richtigen Licht sehr schön ist und dem Schmerz der Menschen.

STANDARD: Ganz allgemein: Geht man nicht im politischen Kino der Schönheit meist lieber aus dem Weg? Arbeiterdramen assoziiert man kaum mit leuchtenden Farben ...

Loach: Das fand ich nie. Schön ist ja nicht hübsch, Schönheit ist nicht gleichbedeutend mit Disney-Farben. Sie ist tatsächlich genau das Gegenteil! So liegt die Schönheit in der Fotografie und der Erfahrung der Menschen. Aber Sie haben recht: Das linke Kino legt sich die Hässlichkeit gern als Vorteil aus, und da mache ich nicht mit. Das ist nicht mein Kino.

STANDARD: Als sie 1969 Ihr frühes Sozialdrama "Kes" drehten, lehnten sie sich stark an den Dokumentarfilm an – ein Stil, der heute wieder sehr populär ist für realistische Filme. War das auch eine ästhetische Entscheidung?

Loach: Das war ganz am Anfang wohl der Fall. Bald aber lernte ich den Kameramann Chris Menges kennen, und wir fanden einen Stil, der eher beobachtend war. Die Kamera sah nun eher das Licht an als die Objekte. So habe ich den Dokumentarstil schnell aufgegeben – also mit der Handkamera der Aktion hinterherzulaufen. Und es sollte natürliches Licht sein, eines das nicht erzwungen wirkt.

STANDARD: Das, wovor Sie damals wegliefen, ist heute in Mode: Was halten sie von Dogma und digitalem Realismus?

Loach: Ästhetisch ist es nichts, das mir gefällt. Weil der Dreh so billig ist, scheinen die Aufnahmen weniger diszipliniert zu sein. Mein Cutter, der viel in dem Bereich arbeitet, klagt immer über die Mengen, die er auf den Tisch bekommt. Komposition und Licht werden vernachlässigt.

STANDARD: Und dass man da-bei ein spontaneres Spiel bekommt, glauben Sie nicht?

Loach: Nein, eine spontane Performance hat damit zu tun, wo man die Kamera platziert, wie man die Handlung entwickelt, in welcher Gemütsverfassung die Darsteller sind. Das ist alles viel subtiler.

STANDARD: Sie geben etwa den Schauspielern immer nur Teile des Drehbuchs in die Hand.

Loach: Ja, und wir drehen chro-nologisch. Sehr wichtig ist die Probenarbeit. Da machen sich die Schauspieler Gedanken, was wohl gewesen sein könnte, bevor die Handlung beginnt, was die Figuren wohl wüssten, was ihre Erfahrungen wären, welche Berufe sie ausgeübt hätten. Daran arbeiten wir. Bei diesem Film haben die Darsteller eine Woche lang mit einem Sergeant der irischen Armee trainiert, wie man Waffen bedient und ein Guerilla-Kämpfer wird. Dabei wurden sie zu einer Einheit, wobei es dann immer einen gibt, der sich mit einem Attest aus der Affäre zieht oder zu spät kommt; oder einen Spaßvogel – es wurde eine richtige Truppe, und diese Energie nutzt man dann beim Dreh.

STANDARD: Ihre letzten Filme basieren auf sehr ausgefeilten Drehbüchern. Welchen Raum nimmt die Arbeit daran ein?

Loach: Sehr viel. Wenn Sie kein Buch haben, das alles enthält, was sie ausdrücken möchten, ist es den Aufwand nicht wert. Bei der Drehbucharbeit sind wir die meiste Zeit damit beschäftigt, es aufzubrechen, damit es viele Ebenen bekommt. Dieser Irland-Film ist die Geschichte zweier Brüder mit einer starken psychologischen Ebene, die einen Zugang zum Thema eröffnet.

STANDARD: Sie arbeiten nie mit großen Stars. Wenn Sie dagegen einen Film sehen wie das erfolgreiche Sozialdrama "Erin Brockovich" mit Julia Roberts – denken Sie nicht, Stars könnten auch ihren Filmen helfen?

Loach: Die können nur "Erin Brockovich" helfen. Man richtet dann schon eine Botschaft an das Publikum, aber die ist verändert. Sie heißt: Man muss ein Filmstar sein, um in einem Film zu sein. Dass es einen solchen Film gar nicht gäbe ohne Julia Roberts. Ich suche mir einfach die Schauspieler aus, die mir am geeignetsten erscheinen.

STANDARD: Und in der Wahl der Stoffe – wie gehen Sie da vor? Nehmen wir etwa das Schicksal das russischen Ex-Spions Litwinenko. Wäre das nicht ein Film, den Sie drehen könnten?

Loach: Das ist eine so offensichtliche Story, das man nach anderen Fragen suchen muss, zum Beispiel: Was ist aus dem Erbe des Stalinismus im Osten geworden? Sie haben all das Übel behalten und die guten Dinge der Oktoberrevolution verloren. Sie haben die Unterdrückung und das absurd anmutende Spionagegeschäft behalten. Ich war seit zehn Jahren nicht mehr in Russland, fand es damals aber schon deprimierend. Jetzt scheinen sie wieder im 19. Jahrhundert angekommen zu sein – mit einer verarmten Masse und einer sehr kleinen kapitalistischen Oberschicht.

STANDARD: Welches weltpolitische Thema beunruhigt Sie gegenwärtig am meisten?

Loach: Der Krieg im Irak, dieses ungewöhnliche legislative Abenteuer, das Bush und Blair da angingen, um einen Angriffskrieg zu beginnen. Innenpolitisch hat mich die Privatisierung sehr beschäftigt, dieser allgemeine Ausverkauf. Alles, wovon wir glaubten, es sei kollektiv, wurde veräußert. Es ist nichts mehr übrig von der alten Sozialdemokratie.

STANDARD: Stephen Frears zeigt in seinem Film "The Queen" einen grundsympathischen Tony Blair am Beginn seiner Amtszeit. So wurde er damals, nach dem Tod Dianas, ja von den meisten empfunden. Sie waren schon damals ein Kritiker?

Loach: Natürlich. Man konnte ja sehen, was er vorhatte. Kennt man die Geschichte der Labour Party, dann hat es immer Leute wie ihn am rechten Rand der Partei gegeben. Er nahm diese Linie auf und sagte vor der Wahl: Labour means Business. Er freundete sich mit Rupert Murdoch an. Aber dass er sein Volk in einen Krieg führen würde auf der Basis einer Lüge – das überstieg jede Vorstellung. (DER STANDARD, Printausgabe, 03./04.02.2007)
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Offizielle Website: "The Wind that Shakes the Barley"
  • Freiheitskrieg als Drama unter Brüdern: "The Wind that Shakes the Barley" von Ken Loach (u.) erhielt 2006 die Goldene Palme in Cannes.
    foto: polyfilm

    Freiheitskrieg als Drama unter Brüdern: "The Wind that Shakes the Barley" von Ken Loach (u.) erhielt 2006 die Goldene Palme in Cannes.

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    Zur Person
    Ken Loach, geboren 1936, ist neben Mike Leigh der wichtigste Vertreter des sozialkritischen, linken britischen Kinos. Zu seinen bekanntesten Werken zählen "Hidden Agenda" (1990) und "The Navigators" (2001).

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