"Ausmaß erhöhter Selbstaufmerksamkeit"

5. Februar 2007, 19:20
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Der Psychiater Christian Fazekas über Hypochondrie als Leid ohne organischen Befund - Ein STANDARD-Interview

STANDARD Ein Hypochonder ist ein Mensch, der vorgibt, krank zu sein, es in Wirklichkeit aber nicht ist, so das landläufige Verständnis. Was ist Hypochondrie medizinisch?

Fazekas: Hypochondrie ist ein schweres Krankheitsbild, das mit einem massiven Leidensdruck verbunden ist, wobei die Angst, an einer schweren Erkrankung zu leiden, den Menschen bestimmt. Sie zählt zu jenen Erkrankungen, bei denen körperliche Symptome wahrgenommen werden, ohne dass ein ausreichender organischer Befund vorliegt, der den Leidensdruck erklären könnte.

STANDARD Aber hat nicht jeder von uns ab und zu einen Anflug von Hypochondrie?

Fazekas: 80 Prozent aller Menschen erleben mindestens einmal pro Woche ein unangenehmes Körpersymptom, das sie wahrnehmen. Das können Kopfschmerzen, Bauchweh oder irgendwelche Muskelverspannungen sein. Bei den meisten löst das aber keine große Beunruhigung aus. Sie können ihre Aufmerksamkeit wieder davon ablenken.

STANDARD Hypochonder allerdings nicht?

Fazekas: Genau. Merkmal von Hypochondrie ist das unbeirrbare Festhalten an der Überzeugung, eine schwere Erkrankung, etwa Aids oder Krebs, zu haben und zwar über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten. Dabei werden körperliche Wahrnehmungen in diese Richtung hin laufend fehlinterpretiert. Trotz medizinischer Abklärung und diesbezüglicher Aufklärung bleiben die Betroffenen bei ihrer fixen Idee.

STANDARD Wie fühlt man sich dabei?

Fazekas: Hypochonder erleben ihre Symptome durch den Mechanismus einer erhöhten Selbstaufmerksamkeit tatsächlich. Das ist auch erklärbar. Wenn man die Aufmerksamkeit stark auf den eigenen Körper richtet, erlebt man viele Phänomene, die man bei weniger Beachtung nicht spürt. Dazu kommt eine Art Dauerstress, der sich aus der Vorstellung einer massiven Bedrohung ganz automatisch ergibt. Hypochonder sind oft Menschen mit sehr viel Fantasie, die sich solche Situationen bis ins kleinste Detail ausmalen. Das macht sie zu sehr einsamen, verzweifelten Menschen. Denn sie erleben Freunde, Bekannte, ja oft auch Ärzte als Menschen, die sie nicht verstehen. Das Nicht-verstanden-Werden wird oft zusätzlich zur Kränkung.

STANDARD Wie grenzt man Hypochondrie von anderen psychischen Erkrankungen ab?

Fazekas: Hypochondrie zählt zu den psychosomatischen Erkrankungen, also Erkrankungen mit körperlichen Symptomen ohne organischen Befund. Es gibt zwei Formen: Hypochondrie als leitendes Krankheitsbild und als Begleitsymptom, etwa von anderen Angsterkrankungen und Depression. Analog zu einer deutschen Studie 2006 haben zehn Prozent der Bevölkerung krankheitsbezogene Ängste, 0,05 Prozent leiden an Hypochondrie im eigentlichen Sinne. Weil das selten ist, plädiere ich dafür, eher von krankheits- oder gesundheitsbezogenen Ängsten zu sprechen.

STANDARD Welche Ursachen gibt es dafür?

Fazekas: Menschen mit klassischen hypochondrischen Störungen haben laut statistischen Untersuchungen in der Kindheit sehr oft belastende Situationen, schwere Krankheitsfälle in der Familie oder Gewalterfahrungen erlebt. Manchmal waren sie selbst oft krank und haben Krankheit als Vehikel für Aufmerksamkeit oder Schutz vor Gewalt erfahren.

STANDARD Inwiefern trägt die Aufklärung in den Medien, durch Pharmafirmen oder das Internet zu einem Zuwachs dieser Erkrankung bei?

Fazekas: Das alles trägt sicherlich nicht zur Hypochondrie im engsten Sinn, aber zu einem Zuwachs der krankheitsbezogenen Ängste bei. Wir sind ständig mit schlechten Nachrichten bezüglich Gesundheitsrisiken konfrontiert, und das sensibilisiert die Menschen. Eine Untersuchung 2001 hat ergeben, dass die Angst vor unheilbaren Krankheiten die bislang häufigste Angst der Österreicher, nämlich den Arbeitsplatz zu verlieren, verdrängt hat.

STANDARD Im 19. Jahrhundert galt Hypochondrie als Modeerkrankung, heute wird sie kaum diagnostiziert. Warum?

Fazekas: Das hängt mit den heutigen, sehr präzisen Kriterien für die Erkrankungen zusammen. Damals war es eine Erkrankung der Empfindsamkeit. Wehleidig sein war ein Zeichen für feine Kultur, fast eine Auszeichnung. Heute hat Hypochondrie einen negativen Beigeschmack. Und da gibt es noch ein Problem: Menschen mit hypochondrischen Erkrankungen suchen eher einen Hausarzt auf, der erst einmal darauf bedacht ist, nichts zu übersehen und mit dem Überweisen an Spezialisten beginnt und das auch tun muss. Zudem haben Hausärzte oft nicht genug Zeit, eine tragfähige Arzt-Patienten-Beziehung aufzubauen.

STANDARD Die Einsicht, dass die Erkrankung psychische Gründe hat, fehlt diesen Patienten?

Fazekas: Bei vielen psychosomatischen Erkrankungen werden seelische Einflussfaktoren bagatellisiert.

STANDARD Wie genau wird eine psychische Belastung zu einer körperlichen Beschwerde?

Fazekas: Der Mensch reagiert immer ganzheitlich. Vor einem wichtigen Termin steigt der Blutdruck, wenn man verliebt ist, passieren körperlich andere Prozesse, Stress bringt den Körper in Aufruhr. Geist und Körper sind eng miteinander verbunden, die einen machen sich mehr die seelischen, die anderen mehr die körperlichen Symptomen bewusst. Jeder von uns hat Warn-organe im Körper, die auf Überforderung hinweisen. Klassisch sind Kopfweh, Bauchweh, Verspannungen.

STANDARD Stichwort Überforderung, auch Hausärzte sind es bei hypochondrischen Erkrankungen?

Fazekas: Innerhalb der Hausärzte gibt es bereits eine Spezialisierung auf psychosomatische Erkrankungen, die durch das Netzwerk Psychosomatik (www.netzwerk-psychosomatik.at) weiter gefördert werden soll. Hausärzte brauchen für die schwierige Diagnose Hypochondrie Zeit. Passiert nichts, beginnt das so genannte Doctor-Shopping, der Marathon durch Arztpraxen. Das ist für System und Patient unerfreulich und teuer und sollte vermieden werden.

STANDARD Wie erklärt die Psychoanalyse diese Erkrankung?

Fazekas: Die Psychoanalyse geht von einer neurotischen Situation aus, also von einem Konflikt, der durch die Verschiebung der Aufmerksamkeit auf ein körperliches Phänomen abgewehrt wird. So wird dem eigentlichen Konflikt ausgewichen.

STANDARD Wie werden hypochondrische Ängste behandelt?

Fazekas: Mit Psychotherapie, die durch antidepressive Medikamente unterstützt werden kann. Zentral ist, dass zwischen Behandler und Patient eine gemeinsame Wirklichkeit hergestellt wird. Das heißt: Der Therapeut erkennt ein Leiden ohne organische Ursache an. Wenn in diesem Punkt Einigkeit herrscht, sind viele psychotherapeutischen Strategien erfolgreich. Grundsätzlich handelt es sich um eine schwere Erkrankung, die aber behandelbar ist.

STANDARD Was ist das Ziel?

Fazekas: Es geht darum, dass Patienten Einsichten gewinnen, neue Zusammenhänge für die Ursachen von fixen Vorstellungen erkennen und Substitute dafür finden. Oft spielen dabei Bindungs- und Beziehungsunsicherheit eine wichtige Rolle. Vertrauen fassen lernen ist auch ein wichtiges Ziel, irgendwann aufhören, sich selbst und sein Gegenüber vor eigentlich unlösbare Aufgaben zu stellen, ein anderes. Ein gesundes Maß an Sorge um sich selbst ist andererseits ja auch wichtig. Doch auf ein adäquates Ausmaß von Selbstaufmerksamkeit, auf psychosomatische Intelligenz kommt es an. Denn sie ist ein Schutzfaktor für Gesundheit.

STANDARD Hat Molière den Hypochonder als „Eingebildeten Kranken“ also für immer falsch gezeichnet?

Fazekas: Nein, Molière hat thematisiert, was zum Alltag gehört. Denn im sozialen Leben spielt Krankheit ja eine wichtige Rolle. Wer von eigener Krankheit spricht, drückt immer auch ein soziales Bedürfnis nach Verständnis um die eigene Situation aus. Molière hat diese Problematik lediglich auf die Bühne gebracht. (DER STANDARD, Printausgabe, Karin Pollack, 3.2.2007)

Zur Person

Christian Fazekas (45) ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und Arzt für psychotherapeutische Medizin an der Universitätsklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie in Graz. Er betreut das Netzwerk Psycho- somatik Österreich mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit auf diese Krankheitszusammenhänge zu legen. Vergangenes Jahr hat er ein Buch mit dem Titel 'Psychosomatische Intelligenz' veröffentlicht.

Karin Pollack studierte Vergleichende Literaturwissenschaften, Russisch und Italienisch in Wien. Sie koordiniert seit März 2006 die Medizin-Beilage im Standard.
  • "Der eingebildete Kranke" im Theater an der Jesofstadt
    foto: standard/ moritz schell

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