Pariser Klimakonferenz: Temperatur steigt bis 2100 um bis zu 6,4 Grad

5. Februar 2007, 11:26
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Alarmieren­der UN-Befund - Gravierende Folgen auch für Österreich: Stürme und weniger Schnee prognostiziert

Ernste Mienen, nüchterner Ton - aber ein explosiver Inhalt: Was 600 Wissenschafter ausbrüteten und Freitag bei einer Pressekonferenz präsentierten, wird die Welt noch lange beschäftigen. Der Bericht der "Expertengruppe zur Klimaentwicklung" (IPCC - Intergovernmental Panel on Climate Change), einer Unterorganisation der UN, prophezeit eine Zunahme von extremen Wetter-Phänomenen wie Wirbel- oder Staubstürmen, Hagel oder sintflutartigen Regenfällen. Dazu kommen regionale Hitzewellen, Dürren und die zunehmende Meeresversalzung. Vor allem werden die Lufttemperaturen laut IPCC bis zum Jahrhundertende zwischen 1,1 und 6,4 Grad Celsius zunehmen. Ein Mittelwert von drei Grad scheint am wahrscheinlichsten. Für die beiden kommenden Jahrzehnte rechnet der Bericht mit einer Zunahme von je 0,2 Grad.

Dadurch werden sich auch die Ozeanmassen weiter erwärmen - und damit ausdehnen; zusammen mit dem zunehmenden Schmelzwasser wird der Meeresspiegel zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen.

Um all diese Zahlen war in Paris hinter den Kulissen hart gerungen worden. Die Wissenschafter sind sich nämlich selbst nicht einig, wie stark sich die Entwicklung gerade in den letzten Jahre beschleunigt hat.

Die IPCC hatte ihre Messungen im Prinzip schon im vergangenen Frühling abgeschlossen. In ihrem Bericht muss sie einräumen, dass sich die Eisschichten in Grönland und der Antarktis seither noch stärker als bisher angenommen verdünnt hätten. Einige Wissenschafter forderten in Paris vergeblich, dass diese neuen Messungen ebenfalls in den Bericht aufgenommen würden. Immerhin setzten sie durch, dass nun ausdrücklich auf diese "neuen Daten" verwiesen wird. Meeresspiegel und wohl auch Temperaturen dürften in einem Jahrhundert eher am oberen Ende der IPCC-Schätzungen liegen.

Neues ergibt der Bericht zur zentralen Frage, wie weit die menschliche Aktivität zur Klimaerwärmung beiträgt. Wie die Leiterin des Sekretariats der IPCC, die gebürtige Oberösterreicherin Renate Christ, zum Standard sagte, ist dieser Zusammenhang "sehr wahrscheinlich". Dieser Ausdruck entspricht einer wissenschaftlichen Genauigkeit von 90 Prozent. Der letzte IPCC-Bericht von 2001 hatte noch eine "bloße Wahrscheinlichkeit" (mehr als 66 Prozent) angenommen. "Damals gingen wir noch von einer Wahrscheinlichkeit aus, die der beim Spielen im Casino entspricht. Jetzt sprechen wir von einer Wahrscheinlichkeit wie jener, dass ein Arzt Kranken helfen kann", erläutert Christ den Unterschied. Die Änderungen, die auf Österreich durch den Klimawandel zukommen und zum Teil schon bemerkbar sind, beschreibt Christ so: "Die Westwinde werden sich in mittleren Breiten fortsetzen. Außerdem haben die Starkregenereignisse zugenommen und werden weiter zunehmen." Auch in diesen Breiten muss man sich auf längere Hitzeperioden einstellen: "Das hat seit 1960 zugenommen und diese Entwicklung wird weitergehen. Die Modelle sind sich einig. Der Rückgang von Schnee und Eis ist schon jetzt evident, dieser Trend wird sich fortsetzen." Ebenso sei mit wärmeren Winternächten zu rechnen.

Im neuen Bericht heißt es, dass die CO2-Zunahme "hauptsächlich" auf die menschliche Brennstoffnutzung zurückzuführen sei. "Angesichts dieser Offensichtlichkeit müssen wir nicht länger darüber reden, ob der Mensch für die Klimaerwärmung verantwortlich ist", erklärte Achim Steiner, Direktor des UNO-Umweltprogramms UNEP. "Mit diesem Bericht müssen wir vom Diskutieren zum globalen Handeln übergehen."

Der in Etappen veröffentlichte Bericht wird der Staatengemeinschaft als Grundlage für die Festlegung internationaler CO2-Emissionswerte ("Kyoto-Protokoll") ab 2012 dienen. IPCC-Leiter Rajendra Pachauri bedauerte, dass der CO2-Ausstoß trotz des ersten Kioto-Protokolls erneut um 20 Prozent zugenommen habe. "Jetzt müssen die Politiker entscheiden", sagte der Inder. "Ich hoffe, dass der eine oder andere Regierungschef den Bericht wenigstens einmal auf einer Zugfahrt liest." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. - 4. 2. 2007)

Es berichten: Stefan Brändle, Alexandra Föderl-Schmid, Johanna Ruzicka und Hannes Schlosser

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Intergovernmental Panel on Climate Change
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