Variationen über die neue Schwerkraft

2. Februar 2007, 12:55
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Bisherige Highlights: Gangster aus Hongkong, "Unerzogene" in Deutschland und ein Regisseur, der in Frankreich seinen eigenen Tod auf burleske Weise inszeniert

Rotterdam - Gangster ist in Hongkong bald mal einer – gleich ein mehrprozentiger Bevölkerungsanteil soll dort entsprechend organisiert sein. Mit dieser Feststellung begründete Johnnie To, warum er in seinen Filmen immer wieder auf die Machenschaften der Triaden – der chinesischen Mafia – zurückkommt. Eine fette Zigarre in der einen, ein Glas Whiskey in der anderen Hand gab er auf dem Filmfestival von Rotterdam Einblick in seine Arbeitsweise. Ein Professional, der mit einer Arbeit Geldgeber zufriedenstellt, um mit der nächsten wieder ganz persönliche Visionen umzusetzen.

Seit mittlerweile über 20 Jahren prägt To mit einem hohen Output das Genrekino Hongkongs. Mit Election und Election 2, die es unlängst sogar aufs Cover der Cahiers du Cinéma schafften, präsentierte der für seine entschlackten Aktionsmuster bekannte Regisseur eine epischere Seite seines Schaffens. Zwar brechen auch in diesen an Coppolas Paten-Trilogie angelehnten Gangsterdramen die Protagonisten in wüste Gewaltexzesse aus. Beide Filme, in denen jeweils die Neuwahl des obersten Anführers Machtkämpfe veranlasst, beeindrucken vor allem jedoch durch ihre moderne Deutung verbürgter Traditionen und Kodices.

Ist der junge Herausforderer des späteren Paten im ersten Teil noch ein cholerischer _Emporkömmling, der sich nur mithilfe eines Felsbrockens zum Schweigen bringen lässt, so droht in der Fortsetzung mit einem kühl kalkulierenden Geschäftsmann, der nach China expandieren möchte, die ungleich größere Gefahr: Dessen Tragik ist es dann auch, dass er eigentlich nie Gangster werden wollte. Die romantische Verklärung des Mafioso wird durch eine neue Pragmatik abgelöst. Sie ermöglicht, jeden durch andere zu ersetzen.

Tos elegante Inszenierung demonstriert, dass die Methoden der Durchsetzung von Interessen archaisch bleiben, aber das Ethos ausgehöhlt, ja überholt wirkt: Ein Stab mit einem Drachenkopf wird zum anachronistischen Objekt der Anbetung, das wie ein Staffelholz permanent den Besitzer wechselt. Den einzigen Schutz gewährt rasche Geldvermehrung: Ausdrücklicher wurden in einem Genrefilm Kapitalismus und Kriminalität noch selten zusammengedacht.

Neben einem Maverick wie Johnnie To buhlen in Rotterdam unzählige Debütanten um Aufmerksamkeit. Zu den wenigen bemerkenswerten Anwärtern auf einen Tiger gehört die Deutsche Pia Marais, die mit Die Unerzogenen einen ungewöhnlichen Generationenkampf thematisiert – in einem etwas fahrigen Erzählstil, der immer wieder in dichten Momenten zur Ruhe findet.

Im Mittelpunkt steht ein jugendliches Mädchen, die ähnlich wie in Christian Petzolds Die innere Sicherheit zu einem Dasein jenseits gesellschaftlicher Normen gezwungen ist. Ihr Vater ist Drogendealer, ihre Ersatzfamilie ein wilder Haufen posthippiesker Tagträumer. In einem großen Haus mit Garten narkotisieren sie sich mit Sex, Alkohol und anderen Drogen. Was bei diesem Sujet leicht zur klischeehaften Beschreibung von Außenseiterattitüden verkommen hätte können, bleibt bei Marais erfrischend unberechenbar. Die Unerzogenen wird zu keinem Entwicklungsroman, sondern entwirft das Bild einer Widerspenstigen, deren Freiräume so eng wie grenzenlos sind.

Indifferenz und Komik

Wie sich Idealismus an Indifferenz abnützt und welche Komik daraus resultiert, das verbindet hingegen die neue Arbeit des Nouvelle-Vague-Regisseurs Luc Moullet, La prestige de mort, mit Laurin Federleins Debüt Build a Ship, Sail to Sadness – einem verschrobenen, poetisch-entrückten Porträt eines Einzelgängers: Vincent (der norwegische Popsänger Magnus Aronson) brettert mit dem Moped durch schottische Dörfer, wo er mit einer mobilen Disco die Menschen von ihrer Einsamkeit kurieren will. Die sind aber mit ihren simplen Lebensweisen eigentlich ganz zufrieden.

Moullet wiederum verkörpert sich selbst als notorisch unterfinanzierter Filmemacher. Mit einem besonderen Coup will er sich in Erinnerung rufen: Er versucht, seinen eigenen Tod zu inszenieren, um dann vom posthumen Ruhm zu profitieren. Ein guter Plan, der auf burlesken Umwegen scheitert: Zuerst stirbt Godard und raubt ihm die Schlagzeilen, schließlich verliert er sich zunehmend in seiner falschen Identität. Auf so gewitzte wie scharfsichtige Weise reflektiert Moullet joer doe Ökonomien der Filmwelt, die auch für ein Festival wie Rotterdam bestimmend sind. (Dominik Kamalzadeh aus Rotterdam / DER STANDARD, Printausgabe, 02.02.2007)

  • Es ist verdammt hart, ein Mächtiger zu sein – erst recht, wenn man nie ein Gangster sein wollte: Simon Yam in Johnnie Tos Mafiathriller "Election 2".
    foto: festival rotterdam

    Es ist verdammt hart, ein Mächtiger zu sein – erst recht, wenn man nie ein Gangster sein wollte: Simon Yam in Johnnie Tos Mafiathriller "Election 2".

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