Plötzlich einsetzender Strudel

2. Februar 2007, 15:19
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In Joan Aikens "Die Kristallkrähe" wird der Leser zum Mitwisser all jener kleinen Geheimnisse, Unstimmigkeiten, Verletzungen, Notlügen, aber auch Versprechungen und Hoffnungen

Es beginnt leicht und in jenem unprätentiösen Parlandoton, der einen sofort zum Mitwisser all jener kleinen Geheimnisse, Unstimmigkeiten, Verletzungen, Notlügen, aber auch Versprechungen und Hoffnungen zwischen Freundinnen, Liebespaaren oder Eltern und Kindern macht, aus denen Beziehungskisten gemeinhin bestehen. Die Beiläufigkeit, mit der Joan Aiken ihr Personal vorführt, hält den Gedanken lange fern, hier könne sich etwas Unausweichliches, gar Tödliches zusammenbrauen.

Also nimmt man die amourösen Irrungen und freundschaftlichen Wirrungen der jungen Dienstag auf, als lebe man in ihrer Nachbarschaft. Ihre Freundin Maggie, eine aus Ungarn eingewanderte Ärztin, versucht Dienstag, die sie für leichtfertig und gefährdet hält, wie eine eifersüchtige Glucke zu behüten - mit Misserfolg. Die beiden fahren nach Cornwall, wo die strenge Eleanor, der weiche, angeblich todkranke Charles, die alte Nin, die krause Tante Julia und andere schräge Existenzen leben. Maggies Freund John taucht auf, es kommt zum Techtelmechtel mit Dienstag, Maggie ist entsetzt. Doch obwohl niemand in dieser Gruppe macken- oder verzweiflungsfrei ist, wirken die Konflikte, Streitereien und Versöhnungen untereinander alltäglich und geradezu vertraut familiär. Nicht an höhere Gefahr glaubend, wird man unmerklich immer tiefer ins Dickicht aus Gefühlsdesorientierung und Seelenkonfusion der Beteiligten geführt. Wenn dann ein Leopard aus dem Zirkus entspringt und das liebliche Cornwall unsicher macht, sorgt das für Abwechslung in den Gesprächen und Emotionen der Gruppe und steigert die Spannung, ohne dass Aiken ihren wunderbaren Parlandoton aufgibt. Doch plötzlich, als wäre mit dem Leopard auch aus den bisher zwar vertrackten, aber letztlich harmlosen Menschen Wildes und sogar Böses ausgebrochen, beginnt sich ein Strudel zunehmenden Wahnwitzes zu drehen ...

Joan Aiken, 1924 in Sussex geboren und berühmt geworden mit Gruselstorys, Kinderbüchern und ebensolchen hintersinnigen Psychogeschichten wie der "Kristallkrähe", hat keinen "Krimi" geschrieben, sondern verfolgt in zwei Erzählsträngen, wie sich aus Unsicherheit, Misstrauen, Liebes- und Hasshändel zwischen Menschen überraschend eine Melange aus Mord und Totschlag ergeben kann. (Harald Eggebrecht/ RONDO/DER STANDARD, Printausgabe, 02.02.2007)

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    cover: süddeutsche kriminalbibliothek
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