Samuraitraditionen in Akira Kurosawas "Rashomon"

2. Februar 2007, 14:34
2 Postings

Mit diesem Film errang der japanische Film überhaupt den Durchbruch zur Weltgeltung: Goldener Löwe bei den Festspielen in Venedig 1951, Oscar 1952

Heiß schießt die Sonne ihre Strahlen in den tiefen Wald. Kein Hauch regt sich. Der wilde Räuber liegt unter dem Baum im Schatten, döst, scheucht ab und zu Fliegen vom Körper. Aber dann: Ein Samurai zieht vorüber, hinter ihm, auf dem Pferd, ganz in Schleier gehüllt, die vom weit auskragenden Hut herabhängen, die Frau. Ein Lichtstrom umfließt sie. Plötzlich ein Wehen, ein Windstoß, für einen Augenblick öffnet sich der Schleier. Der Räuber blinzelt und sieht das schönste Gesicht. Und die Gier, die Lust fahren in seine Glieder. Er nimmt die Verfolgung auf ...

"Rashomon", 1950 gedreht, ist die Geschichte eines Mordes. Es war Akira Kurosawas elfter Film und sein zweiter, der in der Samurai-Vergangenheit spielte, auf Japanisch ein Jidai-geki im Gegensatz zum Gendai-geki, dem Film über Gegenwartsthemen. Mit Gendai-geki hatte sich Kurosawa in Japan einen Namen gemacht, mit "Rashomon" errangen er, sein Hauptdarsteller Toshiro Mifune und der japanische Film überhaupt den Durchbruch zur Weltgeltung: Goldener Löwe bei den Festspielen in Venedig 1951, Oscar 1952. Kurosawa wurde 1910 in Tokio geboren als Sohn eines Armeesportlehrers und passionierten Kinofans. Er studierte Kunst, bevor er mit 26 Jahren Regieassistent bei Kajiro Yamamoto wurde. 1943 debütierte Kurosawa mit einem Judoka-Film, drehte dann einige Gendai-geki über die späten Vierzigerjahre und wurde mit "Rashomon" und Meisterwerken wie "Die sieben Samurai" (1954), "Das Schloss im Spinnwebwald" (1957), "Uzala, der Kirgise" (1975), "Kagemusha" (1980) oder "Ran" (1985) als einer größten Regisseure der Filmgeschichte gefeiert. Kurosawa starb 1998.

In "Rashomon" erzählt vor Gericht jeder der Beteiligten - der Samurai, dessen Frau, der Räuber, schließlich der das Geschehen beobachtende Holzfäller - die Ermordung des Samurais anders, jeder fälscht zu eigenen Gunsten. Den Rahmen bildet das riesige Rashomon-Tor in Kioto, wo der Holzfäller, ein Streuner und ein Mönch vor strömendem Regen Schutz suchen und sich heillos zwischen Lüge und Wahrheit verheddern. Doch Kurosawa lässt das Drama bei aller Parabelhaftigkeit nicht im Philosophischen verkümmern. "Rashomon" behält unmittelbare Sinnlichkeit, bleibt ein hitziger Actionfilm: Stets ist die Kamera ganz nah am Geschehen, ist mitreißend beweglich, wenn der Räuber durchs Unterholz jagt und Büsche, Bäume, Gestrüpp in einem vorbeisausenden Licht- und Schattensturm aufgehen. - Die klare Bestimmung der Orte ordnet die Aktionsfelder wunderbar und lädt sie ganz nebenbei symbolisch auf: Das Tor als Einstieg und Ausweg, das Gericht, weiß und hell im Zeichen der Aufklärung, endlich das Herz des Films, der Wald, Dickicht der Wünsche, Triebe und Sehnsüchte, ein Labyrinth der Gefühle. Aus diesem Wald von "Rashomon" führt letztlich kein Weg hinaus. (Harald Eggebrecht/ RONDO/DER STANDARD, Printausgabe, 02.02.2007)

  • Artikelbild
    foto: süddeutsche cinemathek
Share if you care.