Die plagenden Geister des Schaffens

1. Februar 2007, 20:07
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Wie Kunst entstehen kann, thematisiert das Serapionsensemble von Ulrike Kaufmann und Erwin Piplits in seiner aktuellen Produktion "Com di com com" - Mit Kommentar

Wohin Kunst führen kann: zum Staunen, zur Ermüdung.

(DER STANDARD, Printausgabe, 02.02.2007)

Wien – Das eng an den imposanten Ort des Odeons geknüpfte Bilderwerk des Serapionstheaters behauptet wieder einmal das ganz Große. Groß im Sinne schnöder Mathematik (der in der aktuellen Produktion verwendete Kulissenvorhang umfasst 1000 Quadratmeter) und groß im imaginären Sinn: Bilder, die an die Ränder unserer Vorstellungskraft führen.

Und diese endet im aktuellen Fall schon beim Titel: Com di com com. Er bedeutet vermutlich genau das, was unser (un-)eingestandenes Vorstellungsvermögen erlaubt. In einem auf Jahrzehnte hin bemessenen Unternehmen, wie es das anno 1980 von Ulrike Kaufmann und Erwin Piplits gegründete Serapionstheater nunmehr geworden ist, steht er aber für nicht mehr als die Fortsetzung eines wunderschön gepflegten Enigmas.

Staunen macht Denken

Com di com com schließt an die beiden vorangegangenen Arbeiten Serapion mon amour und Xenos an, die alle drei zusammen das Kunstschaffen im weiteren Sinn zum gemeinsamen Thema haben. Kunst stellt Behauptungen auf, die bedroht werden: Eine Sache, von der das angestammte Ensemble durch die jüngst noch ungeklärten Subventionszusagen seine Liedchen singen könnte. Konkret aber "handelt" der knapp eineinhalbstündige Abend vom quälenden, beängstigenden und zuweilen erfreulichen Prozess der individuellen Hervorbringung – zumindest laut Papier.

Denn ohne Anleitung zum Theaterschauen bleiben die beharrlichen Szenen und großprospektischen Bilder (Regie: Erwin Piplits, Malerei: Max Kaufmann und Tonio Nodari) in erster Linie für sich. Was allerdings keinen Unterschied macht, da sich darum nicht mehr oder weniger dar-aus erschließen lässt.

Diesmal erklären die alteingesessenen Theatermacher vorsorglich das bloße Staunenmachen (und dazu kommt es erwartungsgemäß sehr oft) zum vordergründigen Anliegen und erheben es mit Platon zum Anfang allen Denkens. Kommt und staunt und dann: denkt!

Anlass dazu gab zunächst die wie immer von Ulrike Kaufmann (auch Kostüme) verkörperte Hauptfigur, deren Innenleben sich im Tun und Treiben des sie umgebenden Ensembles äußert: Eine Clownfrau, die in nachtblau kühler Welt kindlich unschuldig mit einem Gummiball zu spielen beginnt. Sie lässt ihn springen, wirft ihn gegen die Wand, und zurück kommt anstelle des Balls leider ohrenbetäubendes Wolfsgeheul!

Losgerissener Seiltanz

Das Spiel hat begonnen (Die Kunstproduktion läuft.) Die Bedrohung ragt in unheimlichen Stimmen in den Raum, in dem acht Tänzerinnen und Tänzer in Sackkitteln und mit elektrifiziert stehenden Haaren ängstlich das Seelenleben der Clownin tänzerisch transportieren.

Sie bilden geschlossene Formationen oder brechen einzeln aus, trippeln und zappeln oder bäumen sich gegen das hallende Gebell auf. Später werden sie sich in einem Seil verheddern (eine künstlerische Hürde), aber schon bald mit losgerissenen Fußfesseln zu einem Trauermarsch tanzen: Es ist dies eines der schönsten Bilder der in jeder Hinsicht mit allen früheren Arbeiten des Serapionstheaters zu vergleichenden Arbeit.

Die große Kunstrechnung in Com di com com löst vordergründig aber vor allem der bereits erwähnte Vorhang ein (Technik: Thomas Bakalis und Radivoje Ostojic). Eine übermächtige, eisblau-schwarz bemalte Stoffwand wird – als handelte es sich um die tektonische Bewegung von Höhlenmalerei – leise ächzend über die Kurven einer Deckenschiene gezogen und eröffnet damit einen neuen, beweglichen, verheißungsvollen, aber ungenützt gelassenen Raum.

Piplits verlässt sich in den minimalen Variationen seiner Ethnopoesie einfach zu sehr auf die Wirkungsmacht der Einzelteile: vor allem auf die kraftvoll und de facto pausenlos eingesetzte (plakative) Musik, auf die spektakuläre Technik, auf die Malerei. Sie können bei aller Schönheit, aber recht wahllos zusammengeführt, über die dramaturgischen Lücken und vor allem die choreografische Zurückhaltung in Com di com com nicht wirklich hinwegtäuschen. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Printausgabe, 02.02.2007)

Odeon Theater
"Com di com com"
Tgl. außer So, Mo

Kommentar
Mailaths Komödienreform

Nachlese
Kampf ums Odeon: Entspannung in Sicht

  • Lauter
Bilderrätsel: Das Innenleben des Kunstschaffenden besteht durchwegs aus ängstlichen, fragenden und manchmal sich frech auf-bäumenden Geistern.
    foto: odeon/max kaufmann

    Lauter Bilderrätsel: Das Innenleben des Kunstschaffenden besteht durchwegs aus ängstlichen, fragenden und manchmal sich frech auf-bäumenden Geistern.

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