"In die rhetorische Falle getappt"

1. März 2007, 09:55
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Aus diskurstheoretischer Sicht: Wie aus dem Fall Strache der Fall Gusenbauer wurde

Wien - Wie sehr folgt FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in seiner Sprache seinem Vorgänger Jörg Haider, vor allem, wenn er über die Zeit des Nationalsozialismus spricht?

Die Wiener Sprachwissenschafterin Ruth Wodak, derzeit Lehrende an der Universität Lancaster in England, sieht zwar Parallelen - aber nicht so eindeutige wie andere Beobachter. "Strache macht das, was wir 'kalkulierte Ambivalenz' nennen, anders", analysiert sie.

Mehrfach adressiert

Mit diesem rhetorischen Prinzip hat sich Haider mit Partikeln wie "eigentlich" oder Einschränkungen wie "wenn Sie so wollen" oder "meinetwegen" von seinen eigenen Erklärungen zum Nationalsozialismus distanziert. "Damit signalisierte Haider seiner Leser- und Hörerschaft, dass es auch andere Lesarten gibt. Er adressierte damit verschiedene Leser/Seher/Hörer gleichzeitig. Verbal macht das Strache so nicht - sehr wohl aber in der Kombination mit Bildern." In seiner Erklärung am Montag hat Strache vielmehr ohne Einschränkung formuliert: "Ja, ich distanziere mich, ja, bekenne mich, ja, ich verurteile."

Den Rückschluss, dass es Strache damit "ehrlicher" meint als Haider, lässt Wodak aber nicht zu. "Diese Aussagen stehen in scharfem Kontrast zu den Bildern aus seiner Jugendzeit und Bildern aus anderen Kontexten (8. Mai 2004) wie auch Wahlplakaten, die genau die anderen Botschaften transportieren. Dadurch entsteht ein Widerspruch - und eben jene kalkulierte Ambivalenz und Mehrfachadressierung, die auch Haider benutzte, transportiert durch den Widerspruch zwischen Wort und Bild."

Strache versuchte also einerseits, seine Jugendbilder zu "dekontextualisieren", die von ihm geschaffene Marke "H.-C. Strache" sauber zu halten und gleichzeitig sein Schicksal als eines der FPÖ und deren Wähler darzustellen. Motto: Ich bin euer Märtyrer.

Jugendlich verführt

Wodak: "Diese Rechtfertigungsstrategie ist altbekannt. Als erstes wird der Gegenangriff gestartet: Die Debatte wird als Verleumdungskampagne und die Medien als Jagdgesellschaft dargestellt. Als zweites kommt die Strategie der Aufrechnung: Andere wie Joschka Fischer oder Alfred Finz hätten das ja auch gemacht. Der dritte Schritt ist dann die Verharmlosung: Dieser Gruß habe gar nicht die Bedeutung. Dazu kommt noch die psychologische Rechtfertigung: ,Ich war damals verliebt, ich bin der jugendlich Verführte.' Dadurch konstruiert er sich insgesamt als Opfer."

Diese Schritte habe Strache konsequent abgespult und letztlich erfolgreich vom Anlassfall seiner Affäre ab- und auf die erfolgten Reaktionen hingelenkt. Aus dem "Fall Strache" wurde so sehr bald ein "Fall Gusenbauer".

Wodak: "Sinnvoll wäre es gewesen, diese Schritte - im Sinne der Abfolge der benutzten diskursiven Strategien - aufzuzeigen und sich eben nicht darauf einzulassen."

Stattdessen seien manche aus der SPÖ genau in die von Strache aufgestellte Falle getappt, in dem sie sich auf die Dekontextualisierung der Bilder eingelassen haben, die Aufrechnungen und Vergleiche mitgemacht und damit indirekt die Relativierungen und Verharmlosung mitgetragen haben.

Wodaks Fazit: "Letztlich hat die SPÖ damit die positive Selbstpräsentation der ,Marke Strache' befördert. Sie ist seiner rhetorischen Strategie auf den Leim gegangen." (Barbara Tóth/DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2007)

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