Mail-Überwachung des FBI im Fadenkreuz von Datenschützern und Bürgerrechtsgruppen

25. Juli 2000, 17:24

Millionen von E-Mails werden von "Carnivore" in Echtzeit abgefangen und analysiert

"Das eigentliche Problem mit "Carnivore" (Fleischfresser) sei, dass niemand genau wisse, was es eigentlich ist"

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Das FBI scannt alle Mails
"Carnivore" findet das Fleisch der Information ...

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US-Bürgerrechtsgruppen und Datenschützer protestieren heftig gegen das neue "Abhörsystem" der Bundespolizei FBI, mit dem diese große Mengen elektronischer Post abfangen und analysieren kann. Dass das FBI über ein System namens "Carnivore" (Fleischfresser) verfügt, war erstmals in einer Anhörung in einem Parlamentsunterausschuss im April angedeutet worden, jetzt ist klar, dass es bereits seit vergangenem Jahr im Einsatz ist. Es wird bei Online-Diensten aufgestellt und überprüft dort auf das Ziel der Ermittlungen hin ein- und ausgehenden E-Mails.

In einem Brief an den Ausschuss, der sich mit dem verfassungsmäßig garantierten Schutz gegen unbegründete polizeiliche Ermittlungen und Beschlagnahmen befasst, beklagte die Amerikanische Bürgerrechtsunion, dass das System die Rechte der Online-Anbieter und ihrer Kunden verletzt, weil sowohl die Adressen von Absender und Empfänger als auch die Stichwortzeilen der E-Mails gelesen werden, anhand deren dann entschieden wird, ob die ganze Nachricht automatisch kopiert wird. Zudem wird das System nur von der Polizei kontrolliert. Bei der traditionellen Abhöreinrichtung für Telefone liegt die technische Seite bei den Telefonfirmen.

20 solcher Geräte

Das eigentliche Problem mit "Carnivore" sei, dass niemand genau wisse, was es eigentlich ist, klagte James Dempsey, Rechtsberater des Zentrums für Demokratie und Technik. "Das FBI stellt eine 'Blackbox' bei dem betroffenen Online-Unternehmen auf, das nicht weiß, was das Gerät eigentlich macht." Marcus Thomas, der Leiter der Internet-Technik-Abteilung des FBI, sagte dem "Wall Street Journal", die Bundespolizei habe 20 solcher Geräte. Dabei handele es sich um PCs mit urheberrechtlich geschützter Software. Diese entspreche den Gesetzen zum Abhören von Gesprächen, sei aber so konzipiert, um mit der Entwicklung des Internets Schritt zu halten.

Dempsey sagte, die Online-Anbieter seien zum Teil selbst Schuld, dass sie alle Kontrolle an die Polizei abgegeben hätten. Früher hätten sie immer erklärt, es gebe nicht die Technik, um genau das herauszusuchen, was die Polizei berechtigt sei, bei Ermittlungen auch zu suchen. "Sie haben sich selbst in diese 'Blackbox' gesteckt." E-Mails, die zum Beispiel mit dem Programm Pretty Good Privacy (PGP) verschlüsselt wurden, bleiben nach Thomas Worten auch bei "Carnivore" verschlüsselt. Es liegt dann an der Polizei, ob sie eine Entschlüsselung will. Es handele sich um ein spezialisiertes Suchprogramm, erklärte Thomas.

"Das FBI sollte das Ding zu einer Open-Source-Software machen"

Um das Rätselraten um "Carnivore" zu beenden, schlug Dempsey vor, dass das FBI jedermann zeigt, was es macht und wie es das macht. Die Online-Anbieter könnten dann die Software selbst installieren. "Das FBI sollte das Ding zu einer Open-Source-Software machen", schlug Dempsey vor - was allerdings als sehr unwahrscheinlich gilt.(red/AP)

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