Zweiter Boom und zweite Blase: Second Life könnte das neue WWW werden

31. Mai 2007, 18:04
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Verlagerung des Online-Verkaufs vom WWW in neuartige Shops erwartbar - Verkaufserlebnis näher am "realen" Leben

Firmen bauen riesige Präsenzen auf, unzählige Start-Ups entwickeln neue Geschäftsideen und jeder glaubt, am Boom mitnaschen zu können: Nicht nur in der Sprache der Medienberichte erinnert der derzeitige Hype um Second Life an jene Zeit, als die "New Economy" im World Wide Web zuerst in aller Munde und dann - bis auf wenige Ausnahmen - nur noch im Altpapier der weltweiten Börsen zu finden war. Doch nicht nur in Hinblick auf die sich derzeit aufblähenden Blase könnte Second Life das nächste World Wide Web werden.

Der Plan

"Es ist der explizit ausgesprochene Plan von Linden Lab, einen dreidimensionalen Ersatz für das WWW zu schaffen", bestätigt Johannes Sperlhofer, Software Entwickler und Forscher in der Arbeitsgruppe iSpaces beim Wiener "E-Commerce Competence Center EC3", im Gespräch mit der APA. "Und sie sind die Firma, die da am nächsten dran ist, und haben nur vier Jahre gebraucht, um das aufzubauen. Das ist eine große Leistung." Jedoch warnt Sperlhofer vor übertriebener Euphorie. Second Life ist "definitiv overhyped, aber der Nutzen ist gegeben", so Sperlhofer. "Jetzt Milliarden hineinzuinvestieren ist der falsche Weg, aber sich alles anschauen - kritisch - ist sicher gut."

Beeindruckend

Denn für viele Unternehmen wäre eine beeindruckende dreidimensionale Repräsentanz, wie sie etwa IBM schon im Second Life aufgebaut hat, eine verlockendere Vorstellung als die in ihrer Gestaltbarkeit eingeschränkten Seiten des World Wide Web zum Kundenfang gebrauchen zu müssen. Besucher können Produkte in Second Life viel unmittelbarer erleben, in der Präsentation der Waren und virtuellen Geschäftsräume könnten neue Wege des Online-Verkaufens gegangen werden.

Werden Internet-Surfer demnächst also nicht mehr einen Webbrowser wie den Internet Explorer oder den Firefox öffnen, sondern gleich in Second Life gehen, um etwa Bücher oder Sportschuhe zu kaufen? Sperlhofer hält dies für möglich. Zwar werde Second Life nicht das World Wide Web ersetzen. Jedoch könnte diese oder eine nachfolgende Online-3-D-Welt auf den Computern in aller Welt ähnlich allgegenwärtig sein wie heute ein Webbrowser. Dies sei eine "Zukunftsvision, ich weiß nicht ob diese Entwicklung mit Second Life passieren wird. Aber ich glaube, dass eine dreidimensionale Computerwelt in Zukunft jedem offen stehen wird", so Sperlhofer.

Der Unterschied ist jedenfalls im Einkaufserlebnis deutlich: Bei einem Online-Buchhändler kann man nach Büchern suchen und diese dann bestellen. Dies widerspricht jedoch dem "normalen" Einkaufserlebnis, bei dem man in Geschäften gustieren kann und sich vielleicht auch mit mitgehenden Freunden austauschen kann. Dieser "Communiy-Gedanke" ist im Second Life erlebbar: Gemütliche Shopping-Touren mit Freunden sind ebenso möglich wie das gegenseitige Bestärken beim oder Abraten vom Kauf, schildert Sperlhofer.

"Open Source"

Ein erster Schritt in die weitergehende Verbreitung von Second Life hat der Betreiber Linden Lab kürzlich unternommen, indem er das zur Darstellung der Online-Welt notwendige Programm, den so genannten "Client" von Second Life, als "Open Source" freigegeben hat. Dies bedeutet, das nun jeder Programmierer daran mithelfen kann, dieses - derzeit zu den Schwachstellen der Second Life-Erfahrung gehörende - Programm zu verbessern. Dieses - ein rund 30 MB großes Programm (Windows-Version) - läuft am Computer des Users und übernimmt dort u. a. die rechenintensive grafische Darstellung der Welt. Auf der anderen Seite liegt die riesiger Serverfarm bei Linden Lab, ein "The Grid" genannter Zusammenschluss von hunderten Computern, wo die Objekte und Benutzer des Second Life verwaltet werden.

Sollte sich Linden Lab dazu entschließen, auch noch die Server-seitigen Anwendungen freizugeben, sieht Sperlhofer die Möglichkeit, dass Second Life eine neue Rolle bekommt. Denn dann könnte - ähnlich wie bei den heutigen Webservern - so gut wie jeder sein eigenes x-tes Life betreiben, und die Benützer könnten von Welt zu Welt surfen, so wie sie derzeit von Website zu Website surfen. Das Second Life würde zum vielfältigen Online-Raum - ein weltweites Netz an zweiten Welten.(APA)

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