Das Ei des Luxus, das Gebot der Vernunft

14. Juni 2007, 16:48
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Wie wird aus einer Tasche Luxus, wie aus einem Zeitmesser, wie aus einem Paar Schuhe? Eine "Know-how-Tour" durch die Manufakturen von Louis Vuitton klärt auf

"Also das geht so. Es müssen Eier von freilaufenden Hühnern sein. Man trennt die Dotter vom Klar. Dann nimmt man ein Nüsschen Butter, aber bitte aus der Bretagne. Die kommt in eine Pfanne aus Gusseisen. Dann lässt man die Klar in die schon gebräunte Butter gleiten. Wenn die Klar dann gestockt sind und die Ränder beginnen, einen bräunlichen Ton anzunehmen, setzt man die Dotter drauf." Patrick, der amtierende Vuitton, übt hier nicht für eine neue Kochsendung, sondern erklärt, was Luxus ist. Das muss er wissen, denn Luxus und das Image davon sind das Family Business der Vuittons. Und das seit 1854.

Was diese Definition so sympathisch macht, ist das Praktische. Keine philosophischen Sentenzen etwa von Proust müssen herhalten, um den Markenkern des Unternehmens mit Bedeutung aufzuladen. Gute Eier, gute Butter, ein erstklassiges Pfandl - passt. Über seine Arbeit an den "Special Orders", den Sonderwünschen preis-unsensibler Klienten, spricht Patrick Vuitton mit derselben Lässigkeit. Ja, interessante Wünsche gäb's da schon. 450 pro Jahr werden in der Werkstatt in Asnière, einem ehemaligen Vorort und jetzigem Stadtteil von Paris, gefertigt. Da sind Spielekoffer darunter, Behälter für hundert Uhren oder tausend Zigarren, oder auch für Babyfläschchen für den elegant reisenden Nachwuchs.

Ein vernünftiges Reisegepäcksstück

Die Werkstatt in Asnière ist ans ehemalige Familienhaus der Vuittons angeschlossen und fast ebenso anachronistisch wie der original erhaltene Salon und das Esszimmer der Gründerväter im Erdgeschoß. In der Werkstatt arbeiten altgediente Handwerker. Das meiste geschieht auch tatsächlich von Hand. Die Leder aussuchen, das Innenleben der Koffer tapezieren, die Messing-Nägel einschlagen. Kein prozessoptimierendes Fließband stört die prä-industrielle Atmosphäre. Es gibt auch nichts zu optimieren. Weder Sharon Stones Schminkkoffer noch der Klarinetten-Behälter für einen japanischen Freund der Blasmusik gingen je in Serie.

Solcherart über moderne Marktgesetze erhaben könnte sich Patrick Vuitton entwerferisch doch richtig austoben, die künstlerische Ader kultivieren oder sich durch besonders absurde Kundenwünsche herausfordern lassen. Nein, dazu ist er zu praktisch. "Es muss ein vernünftiges Reisegepäcksstück sein. Das ist unser Produkt." Gutes Leder, gutes Holz, erstklassige Verarbeitung - passt.

Die Werkstatt in Asnière befindet sich nicht zufällig dort. Damals, in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts war der Ort ein Hotspot für Lederverarbeiter und Händler. Ob es an einem Ort ausreichend Know-how und Ressourcen gibt, ist auch heute das entscheidende Kriterium für das Unternehmen, was die Etablierung einer Produktionsstätte betrifft. Vor allem, wenn es um Geschäftsfelder geht, in denen man auf externes Know-how angewiesen ist.

Seit Jahrhunderten pünktlich

Daher siedelt man sich mit einem Atelier zur Entwicklung und Erzeugung hochqualitativer Zeitmesser nicht in Wuhan oder Bangkok an, sondern im schweizerischen La Chaux-de-Fonds. Schon der Anflug über die musterhaft in Rechtecken angeordneten Gebäude zum Landestreifen zwischen einer Kuhweide rechter Hand und Uhrenmanufakturen zur linken beseitigt jeden Zweifel. Hier ist alles pünktlich. Immer. Seit Jahrhunderten. In La Chaux-de-Fonds redet man nur über Uhren, die allermeisten arbeiten für die Uhrenindustrie, das einzige Flugzeug auf dem kleinen Flughafen trägt den Schriftzug der Firma Breitling.

Warum sollte man also woanders hingehen wollen, wenn man zu der Ansicht gelangt, dass die Kreation von Uhren im obersten Marktsegment eine fruchtbringende Erweiterung des Produkt-Spektrums sein kann. Anfang des neuen Jahrtausends tat Vuitton also den Schritt nach La Chaux-de-Fonds und machte sich mit der "Tambour", die so klassisch aussieht, als hätte sie schon das Handgelenk eines fahrenden Ritters geschmückt, einen Namen auf dem Uhrenmarkt. Der Qualitätsanspruch bei der Herstellung von Vuitton-Zeitmessern ist genauso hoch wie bei allen anderen Produkten. Die Uhren sollen ja auch in den LV-Shops, in denen sie exklusiv verkauft werden, den Unternehmensstandard entsprechen.

So wie in Asnière jedes Leder auf minimale Makel hin untersucht und bei dessen Feststellung ohne Kompromiss ausgeschieden wird, gehen in La Chaux-de-Fonds alle angelieferten Komponenten durch einen strengen Selektionsprozess. Erfahrene Augen kontrollieren Zifferblätter und alle anderen Mini-Teilchen. Sie finden Fehler, die ein normales Auge überhaupt nicht wahrnimmt, geschweige denn als Makel. Klingt kompliziert, aber - siehe Spiegelei: beste Komponenten, beste Infrastruktur, beste Kontrolle- passt.

Schuhhauptstadt Fiesso d'Artico

Wenn nur alles so einfach ginge. Wenn die Faktoren Anatomie und Dynamik produktbestimmend werden, muss man das Rezept verfeinern. Vor allem, wenn es um Schuhe geht. Auf dem ganz unoffizellen Ranking der Schuhhauptstädte der Welt liegt Fiesso d'Artico in der Nähe von Venedig ziemlich weit vorne. Wenn daher einer weiß, wie's geht, dann sitzt er bzw. sie mit großer Wahrscheinlichkeit hier. Die designerischen Aspekte werden von einem lokalen Gestalter-Team mit Vuitton-Chefdesigner Marc Jacobs abgestimmt. Hier werden immerhin auch die Schuhe für die Damen- und Herrenlaufsteg-Kollektionen gemacht. Aber der größte Teil der hier produzierten Schuhe geht in die Vuitton-Shops weltweit und wird von ganz realen Frauen eine Saison lang und nicht nur von Laufsteg-Göttinnen für drei Minuten getragen.

Monica - Das Maß der Dinge

Das bedeutet, das Maß der Dinge ist die podologische Realität. Das Maß der Dinge in Fiesso heißt Monica und ist Sachbearbeiterin in einem mittelständischen Unternehmen im Veneto. Monica hat den perfekten Fuß. Größe 37, nicht zu breit, nicht zu schmal, keine Knubbelzehen. Was ihr passt, ist mit großer Wahrscheinlichkeit auch am asiatischen, am amerikanischen und am europäischen Fuß bequem. Und diese Füße haben durchaus je nach Kontinent ihre Besonderheiten, weiß der Leistenmacher aus Erfahrung. Er ist es auch, der im Abstimmungsverfahren mit Monica den idealen Leisten bildhauert. Wobei er zugeben muss, dass ein idealer Schuh im Grunde ein durchschnittlicher sein muss, eine Art kleinster gemeinsamer Nenner aller Füße, damit er möglichst vielen passen kann. Wer also Monica beneidet, dass sie zweimal wöchentlich die tollsten Schuhe der kommenden, nächsten oder übernächsten Saison probieren darf und dafür auch noch bezahlt bekommt, mag sich damit trösten.

Außer Monica arbeiten Carlo, der die Oberleder an die Sohlen nagelt und dabei so einen Trick hat, zehn oder mehr Nägelchen im Mund verschwinden zu lassen und bei Bedarf auf die Lippen zur Abnahme schiebt und dabei noch ganz flüssig am zwischen Ohr und Schulter eingeklemmten Telefonino parlieren kann, sowie 138 weitere Kunsthandwerker in den zwei Manufakturen im Schuh-Paradies Fiesso. Das Grundrezept ist wohl dasselbe: die besten Leder, die beste Verarbeitung, Monica - passt. Hier kommt noch ein Hauch Marc Jacobs hinzu. Aber die Spiegeleier vertragen unter Umständen auch noch ein wenig Schinken aus Bayonne. Da ist Patrick Vuitton ganz flexibel. (B.S./Der Standard/Rondo/02/02/2007)

  • Viele Handgriffe an Schuhen in Fiesso im Veneto ...
    foto: hersteller

    Viele Handgriffe an Schuhen in Fiesso im Veneto ...

  • ... in der "Special Orders"-Werkstatt im Pariser Asnière ...
    foto: hersteller

    ... in der "Special Orders"-Werkstatt im Pariser Asnière ...

  • ... am Zifferblatt im schweizerischen La Chaux-de-Fonds ...
    foto: hersteller

    ... am Zifferblatt im schweizerischen La Chaux-de-Fonds ...

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