Borats Big Brother

8. Februar 2007, 19:55
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Globalisierung macht dicken Arsch: Der Exil-Russe Gary Shteyngart gastiert am Donnerstag mit dem Roman "Absurdistan" in Wien

Wien - "Mein Urgroßvater war Diakon in einer russisch-orthodoxen Kirche", plaudert Gary Shteyngart aus dem Familienalbum. "Das bedeutet, dass er ein fantastischer Trinker war. Zudem war er aus Sibirien, wo alle wie verrückt trinken. Es hat ständig minus 40 Grad dort."

Wenn der seit seinem siebten Lebensjahr in den USA lebende Shteyngart, Sohn russischer Juden aus Leningrad, heute zusammen mit seinem deutschen Übersetzer Robin Detje in Wien aus dem Roman Snack Daddys Abenteuerliche Reise lesen wird, darf eines also nicht erwartetet werden: Nüchternheit.

Shteyngart, dessen erste Station im Westen Wien war, nachdem er 1979 mit seinen Eltern im Alter von sieben Jahren die Sowjetunion verlassen hatte, bemüht sich jedoch nicht nur in seinen Auftritten, das Image des lustvoll Exzessiven herauszukehren. Auch sein Buch ist ebenso hochprozentig, wie es (versteckt) hochgeistig ist.

Billiger Wodka

Absurdistan, so heißt der in seinen besten Passagen tatsächlich trunken machende Roman des 35-Jährigen im englischsprachigen Original, nach Handbuch für den russischen Debütanten ist es erst sein zweiter. Umso überraschender kam es, dass er sich auf der "10 Best Books of 2006"-Liste der New York Times wiederfand: "Shteyngarts üppiger, dreckiger Roman, zu gleichen Teilen Gogol und Borat, ist in jeder Hinsicht maßlos: Er ist lang, ungehobelt, manisch und riecht nach billigem Wodka."

Shteyngarts Held unserer Zeit, durch dessen Brille der Leser die Welt vorgeführt bekommt, heißt nicht Borat, sondern Mischa "Snack Daddy" Vainberg. Den übergewichtigen HipHop-Liebhaber einen jungen Mann ohne Eigenschaften zu nennen wäre ein Missverständnis, vereinigt er doch viele Eigenschaften in sich: Maßlosigkeit und Melancholie zum Beispiel oder Snobismus und Torheit.

Als "Sohn des 1238 streichen Russen" ist Snack Daddy seit Kindesbeinen an hemmungslosen Konsumismus gewöhnt. Essen, Antidepressiva, Sex, Psychoanalyse, all das verbraucht er in nur umso größeren Mengen, seitdem sein Vater ermordet wurde und ihm die Einreise in die geliebten USA verwehrt wird. Mischa versucht, sich von Russland nach Belgien abzusetzen, kommt aber nie über die Katastrophenrepublik Absurdistan - eine Mischung aus Kasachstan und Moldawien - hinaus.

Die Oma verkaufen

Shteyngart zählt fraglos zu jenen Autoren, die für einen guten Sager jederzeit ihre Großmutter verkaufen würden. Allerdings verstecken sich hinter dem grellen Humor der Abenteuerlichen Reise, hinter einer ziemlich blutigen Beschneidung oder Lobeshymnen auf russische Schwulenlokale Einsichten zu Themen wie Ost - West, Globalisierung und jüdische Identität, die vielen ernsthaft bemühten (oder: bemüht ernsthaften?) Autoren verwehrt bleiben.

In Absurdistans Hauptstadt Svanistadt lässt Shteyngart seinen MTV-geschulten Multikulturalismus-Anhänger ("Free your ass and your mind will follow") Mischa gehörig zwischen alle Fronten geraten. Sein naiver Held mag nur das Beste für die Welt und ihre armen Menschen wünschen und bei jeder Gelegenheit eine Stiftung gründen, aber er ist zu dumm, um zu durchschauen, dass er für ausbeuterische Zwecke instrumentalisiert wird. Ein Krieg wird hier vor allem deshalb angezettelt, um als Nation endlich auf internationalen Nachrichtensendern vorzukommen und in der Folge Hilfsgelder lukrieren zu können. Selbstredend mischt auch eine Tochtergesellschaft des US-Öldienstleisters Halliburton vor Ort kräftig mit. Die Frage lautet: "Wie können wir ein zweites Bosnien aus dem Laden machen?"

Die meisten Rezensenten haben die Darstellung der Zustände in postsowjetischen Republiken durch den Roman überzeichnet gefunden. "Dies ist ein realistischer Roman", widerspricht der Autor, der viele eigene Beobachtungen einfließen ließ. "Die Realität ist, dass wir mit jedem Tag mehr wie Absurdistan werden." Ausweg: Die Verhältnisse zum Lachen bringen! (Sebastian Fasthuber, DER STANDARD Printausgabe, 1.2.2007)

Der Autor liest am Donnerstag um 19 Uhr mit Übersetzer Robin Detje in der Alten Schmiede, 1., Schönlaterngasse 9, aus dem Roman

Das Buch
Gary Shteyngart, "Snack Daddys Abenteuerliche Reise". Roman. Aus dem Englischen von Robin Detje 20,50 € / 379 Seiten. Berlin Verlag, 2006
  • Rezensenten empfinden das Bild, das Gary Shteyngart vom Russland entwirft, als überzeichnet. Realistisch nennt es der Autor, der mehrfach in Wien bei Lesungen war
    foto: berlin verlag

    Rezensenten empfinden das Bild, das Gary Shteyngart vom Russland entwirft, als überzeichnet. Realistisch nennt es der Autor, der mehrfach in Wien bei Lesungen war

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