Einkaufen statt tanken

20. Februar 2007, 16:16
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Österreichs Tankstellen erzielen bereits mehr als die Hälfte der Erträge mit Snacks, Getränken und Zeitungen. Sie befürchten keine Einbu­ßen durch längere Öffnungszeiten im Handel

Wien - Ohne den Verkauf von Snacks und Getränken lassen sich Tankstellen in Österreich nicht mehr wirtschaftlich betreiben. Das Treibstoffgeschäft rechnet sich seit Jahren nicht mehr, Tankstellen-Shops stellen vielfach bereits den überwiegenden Teil der Erträge.

Die Spannen im Treibstoffhandel seien nur ein Bruchteil jener des Shopgeschäfts, sagt Ernst Hirsch, Chef von Esso Austria, dem Standard. Esso bietet bei 73 der 178 Stationen Einkaufsmöglichkeiten auf bis zu 140 Quadratmetern. Große Shops bringen den Betreibern mittlerweile mehr als 50 Prozent des Einkommens und erzielen jeweils über eine Mio. Euro Umsatz, sagt Hirsch. Esso baue das Shopnetz weiter aus.

BP hat 2006 mit 272 Shops 160 Mio. Euro umgesetzt und erweitert die Systemgastronomie. Derzeit wird an sechs Stationen ein internationales Cafékonzept getestet. Der Treibstoffabsatz sorgt laut BP-Sprecherin Monika Matausch nur für ein Drittel der Erträge.

Die OMV will die Zahl ihrer Viva-Shops um 15 auf 200 erhöhen, sagt Konzernsprecher Thomas Huemer. "Ihre Bedeutung steigt stark, und das Sortiment hat sich professionalisiert." Viva listet 1500 Artikel von Babynahrung bis zu Hundefutter. Shell betreibt Shops fast flächendeckend an allen 320 Stationen; 80 halten rund um die Uhr offen, das Service soll ausgedehnt werden. Agip-Kunden können bei 140 Tankstellen einkaufen. Jeder neue Standort wird um Shop und Cafe ergänzt. Agip-Chef Alessio Lilli: "Die Shops sind eine, wenn nicht die wichtigste Einnahmequelle der Betreiber."

Ferdinand Müller, Obmann des Tankstellen-Verbands, erwartet dass die Branche ihre Einkaufsflächen weiter erheblich ausbaut. Denn Servicegeschäfte als frühere Umsatzsäule hätten stark an Gewicht verloren. "Wer künftig überleben will, braucht große Shops."

Dass die verlängerte Ladenöffnung im Einzelhandel von 66 auf 72 Wochenstunden den Tankstellen Geschäft abzieht, glaubt keiner. Das seien zwei Paar Schuhe, was zähle seien Impulseinkäufe. Allein wegen der höheren Preise mache niemand beim Tanken den Großeinkauf. Auch Roman Seeliger von der Sparte Handel will die Konkurrenz nicht überbewerten: Der Anteil der Tankstellen-Shops am Lebensmitteleinzelhandel habe sich bei drei Prozent eingependelt. Regioplan bezifferte ihren Umsatz zuletzt inklusive Rauchwaren bei über 460 Mio. Euro.

Es gibt erste Überschneidungen: So wurde ein steirischer Tankstellen-Pächter vor kurzem zum Spar-Kaufmann.

Die Österreicher greifen bei Tankstellen vor allem zu Getränken, Süßem und Knabbergebäck. 514 der rund 1800 verpachteten Stationen locken mit Bistros. Der Verkauf von Autozubehör sinkt. Von deutschen Verhältnissen ist Österreich aber noch weit entfernt.

Deutschlands Tankstellendichte ist geringer, dafür dehnen sich Shops auf 200 Quadratmeter aus. Ein Umsatzmotor: Zigaretten. Sie dürfen anders als in Österreich zu Trafikpreisen verkauft werden. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.2.2007)

  • Der Impulseinkauf
zählt.
Österreichs
Tankstellen
bangen daher
auch bei
längerer
Ladenöffnung
im Handel
nicht um
ihre Kunden.
    foto: standard/christian fischer

    Der Impulseinkauf zählt. Österreichs Tankstellen bangen daher auch bei längerer Ladenöffnung im Handel nicht um ihre Kunden.

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