Zuwanderer in Wien: Keine "Ghettos" - aber Problemviertel

Redaktion
1. Februar 2007, 17:53
  • In den typischen Gastarbeitervierteln hat seit 1981 eine Konzentration stattgefunden.
    foto: apa/robert jaeger

    In den typischen Gastarbeitervierteln hat seit 1981 eine Konzentration stattgefunden.

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Einmal Ausländerhaus – immer Ausländerhaus" - Konzentrationsprozess in vergangenen Jahren - Erhaltungszustand der Häuser verschlechtert - mit Grafik

Wien – „Gastarbeiter“, ein Begriff den Ursula Reeger, Wissenschafterin des Institutes für Stadt- und Regionalforschung der Akademie der Wissenschaften, mit „Arbeitsmigranten“ umschreibt, und deren Wohnsituation, sind Gegenstand einer Untersuchung mit dem Titel „Ghettoisierungsprozesse in Wien?“. Reeger und ihr Kollege Josef Kohlbacher haben 700 Häuser, die von Zuwanderern aus dem ehemaligen Jugoslawien bewohnt wurden oder werden, im Jahr 2005 einem Vergleich unterzogen und zwar mit Ergebnissen jener Studie, die bereits 1981 durchgeführt wurde. Der Grund, warum sich die Untersuchung auf ex-jugoslawische Haushalte bezog, ist ein einfacher: Mit 58.587 Menschen machten sie vor 25 Jahren 51,7 Prozent aller Migranten in Wien aus. 2005 waren sie mit 38,7 Prozent (119.656 Menschen) nach wie vor die größte Gruppe, Herkunftsgruppen aus der Türkei, dem arabischen und osteuropäischen Raum, Indien oder Afrika kamen hinzu.

Auf immer...

Die Wissenschafter eröffneten ihre Studienpräsentation am Mittwoch mit einer guten Nachricht: Im Gegensatz zu anderen europäischen Metropolen existieren in Wien keine großräumigen Zuwandererghettos. Doch in den typischen Gastarbeiterbezirken ist es der Untersuchung zufolge nicht gelungen, eine Imageverbesserung zu erreichen. Im Gegenteil: Nach dem Motto „Einmal Ausländerhaus – immer Ausländerhaus“, hat in den Vierteln ein Konzentrationsprozess stattgefunden. In den „bürgerlichen“ Bezirken wohnen nach wie vor wenige Ausländer, in den „Unterschichtsbezirken“ immer mehr. Dort, etwa in Ottakring, Hernals, Rudolfsheim-Fünfhaus, Meidling, Favoriten, Leopoldstadt und Brigittenau – also in den innerstädtischen Bereichen außerhalb des Gürtles – lässt die Bausubstanz und somit die Wohnqualität zu wünschen übrig. Zwar haben die Hauseigentümer in den vergangenen 25 Jahren renoviert, aber noch lange nicht so viel investiert wie in den Oberschichtbezirken Innere Stadt, Wieden, Döbling oder Landstraße. In diesen liegen die Häuser, aus denen seit 1981 die einzigen ex-jugoslawischen Haushalte in die billigeren Bezirke abwanderten. Diese waren meist Hauswarte, doch diese Stellen gibt es größtenteils nicht mehr.

... und ewig

Die Regelhaftigkeit in den „Gastarbeiter“-Vierteln wird nur dann durchbrochen, wenn sich im Bezirk „positive Veränderungen in Form von Sanierungsmaßnahmen und wirtschaftlicher Belebung ergeben“, schreiben die Autoren. Ein Beispiel dafür ist der Brunnenmarkt im 16. Bezirk, der zunehmend von Studenten und Künstlern bewohnt wird. Doch die Wohnkonzentration begann schon in den 1970er Jahren und ist Indikator für den „langjährigen Ausschluss der Ex-Jugoslawen von bestimmten Teilen des Wiener Wohnungsmarkts sowie für eine Marginalisierung auf dem Arbeitsmarkt.“

Gettoisierungsprozess sei nicht gleichzusetzen mit Ghetto, betonte Heinz Fassmann, Leiter des Instituts. Doch weit entfernt ist das Getto wohl nicht, weswegen Fassmann die Kommune gefordert sieht. (Integrations-) Maßnahmen sollen nicht nur beim Wohnen gesetzt werden, sondern auch in den Bereichen Arbeit, Bildung und Kultur. Blocksanierungen und Einrichtung von Grünflächen würden eine Aufwertung bewirken. Dennoch würde er der Stadt Wien eine gute Note geben. Durch die Stadtbibliothek im 15. Bezirk sei ein guter Schritt getan worden.

Kritik von ÖVP und Grünen

Nicht so die Wiener ÖVP und die Grünen: Es sei „‘Verdienst‘ der SPÖ“, dass Arbeitsmigranten 43 Jahre aus dem Gemeindebau „draußen gehalten“ worden seien, kritisierte Grünen-Integrationssprecherin Alev Korun. Sie forderte die Verantwortlichen auf, „nicht mehr die Augen zuzumachen vor der Tatsache, dass Migranten weit schlechtere Wohnverhältnisse haben als nicht Zugewanderte.“ „Die Wohnsituation von Migranten ist umso besser, je besser deren Einkommenssituation ist“, heißt seitens SP-Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger. Eines der Ziele der Neo-Stadträtin sei es, Chancen der Zuwander auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. (Marijana Miljkoviæ, DER STANDARD Printausgabe 1.2.2007)

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Als Grünwähler und nunmehr erwiesenermaßen Problemviertelbewohner gehen mir die Rassisten, die hinter jedem Schwarzen einen Gewalttäter sehen auf den Nerv, aber auch die Ethno-Romantiker, die offenbar Immigranten als belustigende Behübschung des Stadtbildes objektifizieren. Und jeder, der die österreichische Arbeiterschaft primar als tschickendes Gesindel betrachtet, wird nicht dadurch zum Menschenfreund, indem er die nicht minder tschickenden Türken in sein Herz schließt.

Die vielen Grünwähler sind eher Neo-Österreicher, als als klassische Grüne. In meinem Haus bin ich jedenfalls der einzige Radfahrer und der einzige, der gewissenhaft die Öko-Box füllt. Ich kenne zwei serbische Autofreaks. Sind keine Grüne, aber sie wählen grün.

!hernois is ois!

gut und schön

also, alles, was nicht dezitiert "österreichisch" ist, ist "zuwanderer" ??? na, da werden sich die menschen der zweiten und dritten generation aber freuen, daß sie - oftmals mit österreichischem pass - "zuwanderer" sind...tja, wenn das offizielle wien das so sieht...

das kommt auf diese leute an

wenn ich in der zweiten und dritten generation noch immer die sprache nicht ordentlih kann, und mich durch mein verhalten selbst ins aus schieße, bin ich in den augen der anderen noch immer ein zuwanderer...ist in jedem land der welt so.

Tja. Einmal Ausländerraus – immer Ausländerraus" ;-)

Und, wo wohnen die Grünwähler/Innen?

Sicher nicht in diesen "Nichtghettos, aber Problemvierteln".

na pfo, sie haben a ahnung.

studierens amal die wahlergebnisse, dann werdens feststellen, dass z.b. im 15. letztes mal die grünen (18,81 %) deutlich vor der fpö (14,6 %) lagen.

wie übrigens auch sonst in fast allen bezirken....

Ich schon.

Und ich habe keine Problem damit, da ich mich mit den meisten Menschen gut verstehe. Ich gehe auf Menschen offen und ohne Vorurteile zu, dadurch gibt es für mich keine Parallelgesellschaft!

der brunnenmarkt ist ein positives beispiel? also ich habe auf der anderen seite des gürtels in der nähe gewohnt, mich aber nicht öfter als zweimal rüberverirrt.

dann kennst du dich ja aus

na a bisserl subjektiv werd ich ja noch sein dürfen

totsanierung

ja, schön und gut, die "problemviertel" sollen saniert werden.
Mal genau hingeschaut, WIE diese Stadtfond/Eu- oder sonstwas Gelder dann verbraten werden?
Alte Häuser werden ruckzuck ohne Sinn und Verstand mit schäbigen Plastikfenstern, absurden Fassadenfarben und unerträglichen 08/15 Dachaufbauten zerstört solangs dafür Kohle zu holen gibt. Investorenfirmen kaufen alte Häuser auf und Zack ist wieder ein schönes altes stimmiges Haus in eine seelenlose "Bezug nach Totalsanierung"-Tragödie verwandelt.
In Ottakring gab es wunderschöne charismatische Straßenzüge, die innerhalb kürzester Zeit verschandelt wurden. Und dann wundern sich alle, warum, die Innenstadtbewohner, die auf der Suche nach "authentischem Altbauflair" sind fern bleiben!!!

ich bin in Ottakring gebohren, aufgewachsen,

zur Schule gegangen. Ich arbeite in Hernals. Problembezirke? AUF JEDEN FALL! Alte Mietskasernen, extrem viel Autoverkehr, fast keine Grünanlagen oder Parks. Kriminalität? Ja, das ist sicherlich ein immer stärker werdendes Problem. Aber man darf nicht vergessen, das einfach viele Ausländische Familien hier leben die oft viele Kinder haben und daher das Geld knapp ist. Wo soll man denn hinziehen, wenn die Mieten so teuer sind? Und nebenbei die ach so tollen Gemeindebauten sind für Menschen die arbeiten gehen auch sehr teuer geworden.

Frau Frauenberger erkennt einen Zusammenhang zwischen Wohnsituation und Einkommenshöhe, dafür bitte einen Riesenapplaus ! Ein weiterer Geniemensch in Wiens Stadtregierung.

wann

waren die sogenannten wissenschafter das letzte mal im 15ten?

schönreden

umtaufen...und schon gibts keine probleme.


so einfach ist die welt.

Herrlich!

Mit wie vielen Euphemismen man das immer gleiche Problem umschreibt. Damit wird man dereinst ganze Duden füllen können. Gettoisierung… aber noch nicht Getto. Nein echt nicht. So halb, bei 43.33 % oder so. Ca. Ungefähr. Eine Lachnummer, mehr nicht.

vielleicht ein "gettochen" ? :-)

Und wo ist der Unterschied?

Der Unterschied ist, die Problemvierteln sind

noch keine Ghettos. "Noch" heisst sie könnten es in nächster Zeit werden.

Im Viertel um den Brunnenmarkt ist es schon so, dass immer mehr Inländer wegziehen und damit für die Zuwanderer Platz machen. Da ist der Weg in die falsche Richtung schon eingeschlagen.

das stimmt ja nicht,

viele InländerInnen können es sich mittlerweile auch nur mehr in den billigeren Bezirken leisten zu wohnen.

Natürlich ziehen nur die weg, die es sich

leisten können. Sonst wärs ja schon ein Ghetto.

Das ist ja unser Glück in Wien, dass die ganzen Vierteln nicht geschlossen einen Baucharakter haben.
Bei uns (im Vierzehnten) gibt es auch viele Gründerzeithäuser, die waren bald vorwiegend von Ausländern bewohnt. Aber die Gemeindebauten dazwischen und die Eigentums- und Genossenschaftswohnungen gibt trotzdem niemand leicht auf. Damit ist die Ghettobildung gebremst und wir wohnen in einem gemischten Gebiet, mit relativ hohen Ausländeranteil.

das stimmt einfach nicht

seit 10 jahren ziehen scharenweise inländer ins brunnenviertel.

im artikel steht zwar nur das gegenteil aber...

Echt? Wo lesen Sie das heraus?

Ausser in der Behauptung es würden Studenten und Künstler zuziehen?
Vor einigen Monaten war im Standard ein Artikel mit Zahlenmaterial über die demografische Zusammensetzung in diesem Gebiet. Demzufolge ist in den letzten Jahren der Ausländeranteil gestiegen. Nicht nur wegen der Zuwanderung sondern auch wegen der Abwanderung von Inländern.

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