Zuwanderer in Wien: Keine "Ghettos" - aber Problemviertel

  • In den typischen Gastarbeitervierteln hat seit 1981 eine Konzentration stattgefunden.
    foto: apa/robert jaeger

    In den typischen Gastarbeitervierteln hat seit 1981 eine Konzentration stattgefunden.

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Einmal Ausländerhaus – immer Ausländerhaus" - Konzentrationsprozess in vergangenen Jahren - Erhaltungszustand der Häuser verschlechtert - mit Grafik

Wien – „Gastarbeiter“, ein Begriff den Ursula Reeger, Wissenschafterin des Institutes für Stadt- und Regionalforschung der Akademie der Wissenschaften, mit „Arbeitsmigranten“ umschreibt, und deren Wohnsituation, sind Gegenstand einer Untersuchung mit dem Titel „Ghettoisierungsprozesse in Wien?“. Reeger und ihr Kollege Josef Kohlbacher haben 700 Häuser, die von Zuwanderern aus dem ehemaligen Jugoslawien bewohnt wurden oder werden, im Jahr 2005 einem Vergleich unterzogen und zwar mit Ergebnissen jener Studie, die bereits 1981 durchgeführt wurde. Der Grund, warum sich die Untersuchung auf ex-jugoslawische Haushalte bezog, ist ein einfacher: Mit 58.587 Menschen machten sie vor 25 Jahren 51,7 Prozent aller Migranten in Wien aus. 2005 waren sie mit 38,7 Prozent (119.656 Menschen) nach wie vor die größte Gruppe, Herkunftsgruppen aus der Türkei, dem arabischen und osteuropäischen Raum, Indien oder Afrika kamen hinzu.

Auf immer...

Die Wissenschafter eröffneten ihre Studienpräsentation am Mittwoch mit einer guten Nachricht: Im Gegensatz zu anderen europäischen Metropolen existieren in Wien keine großräumigen Zuwandererghettos. Doch in den typischen Gastarbeiterbezirken ist es der Untersuchung zufolge nicht gelungen, eine Imageverbesserung zu erreichen. Im Gegenteil: Nach dem Motto „Einmal Ausländerhaus – immer Ausländerhaus“, hat in den Vierteln ein Konzentrationsprozess stattgefunden. In den „bürgerlichen“ Bezirken wohnen nach wie vor wenige Ausländer, in den „Unterschichtsbezirken“ immer mehr. Dort, etwa in Ottakring, Hernals, Rudolfsheim-Fünfhaus, Meidling, Favoriten, Leopoldstadt und Brigittenau – also in den innerstädtischen Bereichen außerhalb des Gürtles – lässt die Bausubstanz und somit die Wohnqualität zu wünschen übrig. Zwar haben die Hauseigentümer in den vergangenen 25 Jahren renoviert, aber noch lange nicht so viel investiert wie in den Oberschichtbezirken Innere Stadt, Wieden, Döbling oder Landstraße. In diesen liegen die Häuser, aus denen seit 1981 die einzigen ex-jugoslawischen Haushalte in die billigeren Bezirke abwanderten. Diese waren meist Hauswarte, doch diese Stellen gibt es größtenteils nicht mehr.

... und ewig

Die Regelhaftigkeit in den „Gastarbeiter“-Vierteln wird nur dann durchbrochen, wenn sich im Bezirk „positive Veränderungen in Form von Sanierungsmaßnahmen und wirtschaftlicher Belebung ergeben“, schreiben die Autoren. Ein Beispiel dafür ist der Brunnenmarkt im 16. Bezirk, der zunehmend von Studenten und Künstlern bewohnt wird. Doch die Wohnkonzentration begann schon in den 1970er Jahren und ist Indikator für den „langjährigen Ausschluss der Ex-Jugoslawen von bestimmten Teilen des Wiener Wohnungsmarkts sowie für eine Marginalisierung auf dem Arbeitsmarkt.“

Gettoisierungsprozess sei nicht gleichzusetzen mit Ghetto, betonte Heinz Fassmann, Leiter des Instituts. Doch weit entfernt ist das Getto wohl nicht, weswegen Fassmann die Kommune gefordert sieht. (Integrations-) Maßnahmen sollen nicht nur beim Wohnen gesetzt werden, sondern auch in den Bereichen Arbeit, Bildung und Kultur. Blocksanierungen und Einrichtung von Grünflächen würden eine Aufwertung bewirken. Dennoch würde er der Stadt Wien eine gute Note geben. Durch die Stadtbibliothek im 15. Bezirk sei ein guter Schritt getan worden.

Kritik von ÖVP und Grünen

Nicht so die Wiener ÖVP und die Grünen: Es sei „‘Verdienst‘ der SPÖ“, dass Arbeitsmigranten 43 Jahre aus dem Gemeindebau „draußen gehalten“ worden seien, kritisierte Grünen-Integrationssprecherin Alev Korun. Sie forderte die Verantwortlichen auf, „nicht mehr die Augen zuzumachen vor der Tatsache, dass Migranten weit schlechtere Wohnverhältnisse haben als nicht Zugewanderte.“ „Die Wohnsituation von Migranten ist umso besser, je besser deren Einkommenssituation ist“, heißt seitens SP-Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger. Eines der Ziele der Neo-Stadträtin sei es, Chancen der Zuwander auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. (Marijana Miljkoviæ, DER STANDARD Printausgabe 1.2.2007)

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