Es gibt noch viel zu tun . . .

17. Juli 2000, 19:07

Theorie und Praxis der Karenzgelddebatte am Beispiel ÖGB

In der jüngsten Nummer der Zeitschrift Kompetenz, dem Mitgliederblatt der Privatangestellten-Gewerkschaft, liest man unter dem Titel "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit", es gebe für die Rechte von Arbeitnehmerinnen in Geldinstituten "noch einiges zu tun". Insbesondere wird die typische "Frauenfalle" bei den heimischen Banken beklagt, der unheilvolle Reigen, der aus Karenz, unterqualifiziertem Wiedereinstieg, Teilzeitarbeit und in der Folge Ausschluss von Weiterbildungsmaßnahmen, Karriereaufstieg und Gehaltssprüngen besteht (vgl. den Beitrag von Eva Rossmann in der Montag-Ausgabe).

Die angeführten Folgeerscheinungen muten wie Gemeinplätze an: Frau verdient im Durchschnitt weniger als man; frau bekommt zum Schluss weniger Pension als man; frau bleibt bei "sehr arbeitsreichen, aber weniger imageträchtigen" Tätigkeiten picken; frau schafft es nur im Ausnahmefall bis zur Vorstandsetage usw.

Als EDV-Angestellter einer österreichischen Großbank kann ich mich dieser treffenden Analyse nur anschließen. Nicht nur aus eigener Beobachtung, sondern auch aus eigener Erfahrung. Denn 22 Monate lang war ich in Elternkarenz. Nun darf ich als "Ausnahme-Mann" - gerade 1,5 Prozent aller Väter gehen auch nur kurze Zeit in Karenz - das typische Frauenschicksal in einem Finanzinstitut über mich ergehen lassen.

Jawohl, es stimmt leider: Den Wunsch nach Teilzeitarbeit vernimmt man überhaupt nicht gern. Und wenn der Chef ihm doch nachgibt, dann nur unter der Bedingung, dass der/ die Wiedereinsteiger/in eine weniger "kritische" Aufgabe akzeptiert. Im Rahmen einer EDV-Abteilung heißt das: Finger weg vom Programmieren und hin zum Helpdesk. Denn das Programmieren ist ja bekanntlich nur etwas für rauchende, Kaffee schlürfende Männerköpfe, die sich freiwillig bis spät in der Nacht mit schwierigen abstrakten Problemen auseinander setzen, nur etwas für vollwertige Mitarbeiter, die zu jeder Tag- und Nachtstunde bereit sind, in die Firma zu eilen und Krisenfeuerwehr zu spielen. Dass 38,5-Stunden-Arbeitskräfte den berechtigten Wunsch nach einem geregelten und ungestörten Familienleben hegen - und in der Regel auch verwirklichen können - kommt in diesem Vorstellungshorizont nicht vor.

Böser, böser Turbo-Kapitalismus

Kuriosität am Rand: Alle Teilzeitmitarbeiter/innen haben einen Vertrag über wöchentlich 20 Arbeitsstunden. Eine ganze Arbeitsstelle könne man nur in zwei Hälften teilen, heißt es aus der Personalabteilung. (Bei einer Normalarbeitszeit von 38,5 Wochenstunden müsste das streng genommen eine Verpflichtung von 19,25 Stunden ergeben; die 1,5 Arbeitsstunden "zu viel", die im Betrieb geleistet werden, fallen offensichtlich niemandem auf.) Verlangt der/die Wiedereinsteiger/in einen Vertrag über 25 oder 30 Stunden - 15 sind von vornherein ausgeschlossen -, so verweist man auf die Möglichkeit, Mehrstunden in beliebigem Ausmaß zu leisten. Theoretisch ist das ganz praktisch und außerdem fair, denn auch Gehaltszulagen werden in anteiligem Ausmaß ausbezahlt. Nur: Was passiert, wenn, wie in meinem Fall, der Vorgesetzte sich entscheidet, auf diese Mehrarbeit zu verzichten? Richtig, man fällt plötzlich um diesen Einkommensteil um. Merke: Arbeitszeitflexibilisierung ist nicht immer im Sinne des Arbeitnehmers.

An diesem Punkt beschwören Gewerkschafter/innen gerne das Bild vom ausbeuterischen Turbo-Kapitalisten, der Arbeitszeitbestimmungen unterläuft und geleistete Mehr- und Überstunden wenig bis gar nicht honoriert, um so das Maximum an Arbeit mit einem Minimum an finanziellem Aufwand aus seinen Untergebenen herauszuschinden . . . Aber auch dort, wo flexible Arbeitszeiten Familien und speziell Frauen zugute kommen könnten, hinkt dieses Geldinstitut um Lichtjahre nach. Erst jetzt, buchstäblich Jahrzehnte nach anderen Großbetrieben, wird gerade über ein Arbeitszeitmodell, bestehend aus Rahmenarbeitszeit und "Funktionszeit" diskutiert.

Jawohl, es stimmt leider: Um die Fortbildungsmöglichkeiten für Teilzeitmitarbeiter/ innen ist es auch bei uns traurig bestellt. Aber das soll man wahrscheinlich nicht persönlich nehmen, denn auch für die Vollzeitler gibt es kaum von der Firma bezahlte Kurse. Es braucht keine Fantasie sich vorzustellen, wie sich das auf den gesamten Bildungsstand einer EDV-Abteilung auswirkt. Bei der Beurteilung neuer Technologien etwa ist man mangels "hands-on"-Erfahrung auf Experten von außerhalb angewiesen.

Diese sind zwar in der Regel fachlich äußerst kompetent, allerdings haben sie oft selbst etwas zu verkaufen und können daher kaum eine wirklich sachliche Beurteilung abgeben. Und hinter vorgehaltener Hand behaupten böse Zungen, die Firma ziehe schlecht ausgebildete EDV-Mitarbeiter/innen vor (solche, die nicht auf die verwegene Idee kommen könnten, zu einem anderen, besser bezahlten und höher qualifizierten Arbeitsplatz zu wechseln).

Wo geht's hier zur Frauenbeauftragten?

Jawohl, es stimmt leider: In dieser Bank wird man keine weiblichen Vorstandsmitglieder finden. Auch einen Betriebskindergarten wird man vergeblich suchen. Und weit und breit ist keine Frauenbeauftragte in Sicht. Kurzum, all das, was es aus Sicht der Gewerkschaft der Privatangestellten bei den heimischen Banken und Versicherungen "noch zu tun gibt", trifft auf dieses Geldinstitut zu. Leider, würde vermutlich auch die Gewerkschaftsfunktionärin an dieser Stelle sagen.

Wenn man allerdings weiß, dass es sich hier um die Bank für Arbeit und Wirtschaft handelt, ein Geldinstitut, das mehrheitlich dem ÖGB gehört, dann ist das nicht bedauernswert, sondern bestenfalls kurios - nein, es ist skandalös. "Kehr' vor der eigenen Tür!", müsste es widerhallen seitens aller anderen Finanz- und Geldinstitute. Und sie hätten Recht damit.
Robert Schlarb,
Bankangestellter in Wien

Nach 22 Monaten in der "Frauenfalle": Ein "Ausnahme-Mann" berichtet von seinen realpolitischen Erfahrungen mit der Antidiskriminierungs-avantgarde.
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