In Jackett und Glockenhose zum Mars

21. Februar 2007, 10:35
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"Life on Mars" schickt einen modernen britischen Detective auf Zeitreise in die Siebziger - Ab Samstag, 20.15 Uhr, auf Kabel 1

Es gibt Momente im Leben, da wünscht man sich fort, nur weit fort. Der Polizist Sam Tyler (John Simm) zum Beispiel wischt sich die Tränen von der Wange, als er seine ermordete Freundin identifizieren muss. Er setzt sich ins Auto, fährt wie von Sinnen davon, irgendwann hält er an, steigt aus und weint seine letzte Träne. Denn als er weggeht, erfasst ihn ein Auto - und John Tyler ist alle seine Sorgen los.

Oder eben nicht. In der britischen TV-Serie "Life on Mars" (ab 3. Februar auf Kabel Eins) beginnt ein anderes Schlamassel: Der Unfall wirbelt Tyler durch Raum und Zeit, er landet - in schwarzem Lederjackett, Glockenhosen und Stiefeletten mit Absatz - im Jahr 1973. Aus dem Auto klingt David Bowies "Life on Mars" - kurz zuvor noch vom iPod, jetzt läuft eine Kassette.

Ob der Detective nun verrückt ist, im Koma liegt oder sich auf einer Bewusstseinsreise befindet, darüber darf in vorerst acht einstündigen Folgen spekuliert werden. Ein lustvolles Unterfangen ist dieses Spiel mit der Zeit. Auch, weil es britischer Herkunft ist und damit auf die gängigen US-Hochglanzinsignien verzichtet, nicht aber auf die bewährte Ironie: Ausgerechnet ein Bobby ist der Erste, der dem Entwurzelten begegnet.

Retrofiction

Der Dialog zwischen den beiden nimmt die folgende Problematik vorweg: "I need my mobile" - "Your mobile what?" Tyler ermittelt fortan in einem solchen Klima, mit einem raubeinigen Philip Glenister an seiner Seite.

Mit "Life on Mars" aktualisiert die BBC ein Genre, man könnte es "Retrofiction" nennen. Ein genialer Streich der Erfinder Matthew Graham, Ashley Pharoah und Tony Jordan: Nachdem sich Zuschauer in Shows mit Requisiten und Musikstücken sattsam an ihre Jugend erinnert hatten, begann im TV die Phase der Fictionalisierung. Heute gefallen US-Serien mehr als Reality. Die deutschen TV-Produzenten, die diesen Trend verschlafen haben, jammern und versuchen sich an Kopien. Die Briten setzen Eigenes dagegen und konterkarieren so die US-Krimiserien der 70er ebenso wie die eigene Vergangenheit: Als etwa drüben ein Mike Stone in den "Straßen von San Francisco" mit ähnlichem Outfit Fälle löste oder hüben "Die Profis" gegen böse Obrigkeiten kämpften.

"Life on Mars" wird viele allein wegen des Soundtracks freuen. Den gibt es übrigens nicht zu kaufen, die BBC emanzipiert sich auch hier von gängigen Strategien und führt die Playlist zu jeder Folge auf ihrer Homepage akribisch an, vertreten sind so ziemlich alle: Bowie, Lou Reed, The Who, Cream, Deep Purple und so fort.

In Großbritannien schauten 7.5 Millionen zu. David E. Kelley ("Ally McBeal", "Boston Legal") bastelt an einer US-Version. Der Begeisterung im deutschsprachigen Raum droht ein gewichtiger Stolperstein: Die Übersetzung dürfte die Kraft des Manchester-Slang in "Life on Mars" wohl umfassend neutralisieren. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 31.1.2007)

  • Zeitreise in eine Welt von Schallplatten und Telefonzellen: Sam Tyler (John Simms, re.) in "Life on Mars".
    foto: kabel 1

    Zeitreise in eine Welt von Schallplatten und Telefonzellen: Sam Tyler (John Simms, re.) in "Life on Mars".

  • Nach einem Unfall erwacht Detective Sam Tyler (John Simm) im Jahre 1973 wieder.
    foto: kabel1

    Nach einem Unfall erwacht Detective Sam Tyler (John Simm) im Jahre 1973 wieder.

  • Mit seinem neuen Partner Gene Hunt (Philip Glenister, l.) hat Sam Tyler (John Simm, r.) arge Probleme, vor allem aber traut er ihm nicht über den Weg
    foto: kabel 1

    Mit seinem neuen Partner Gene Hunt (Philip Glenister, l.) hat Sam Tyler (John Simm, r.) arge Probleme, vor allem aber traut er ihm nicht über den Weg

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